Ich bin erschöpft. Nach den Wahlen hat uns eine zugegebenermaßen naive Hoffnung aufgerichtet. Wir lachten wieder, sagten uns, vielleicht geht es jetzt endlich aufwärts. Nein, nicht mit Griechenland als Ganzem, sondern dass wenigstens der ganz normale Alltag wieder halbwegs funktioniert. Doch jetzt ist sie wieder da, diese schleichende Depression, und ich sehne mich fast schon nach der Zeit, in der ich über die übliche Steuerlast meckern konnte, in der es mir aber trotzdem noch möglich war, meiner Tochter unter die Arme zu greifen. Sie arbeitet fast rund um die Uhr in einer Hotelanlage für ein so geringes Gehalt, dass sie wieder bei uns einziehen musste.

Mir fehlt der alte Freund, der vor einem Jahr Selbstmord beging, weil er seiner Familie nicht mehr in die Augen sehen konnte vor lauter Schulden. Die Banken hatten ihn ermutigt, immer weitere Kredite aufzunehmen, um alte Kredite zu tilgen, ein Teufelskreis. Meine Freundin Petroula schuldet den Banken inzwischen 50.000 Euro. Um ihr Haus fertigbauen zu können, nahm sie Kredite auf. Dann wurde sie arbeitslos. Inzwischen haben die Zinsen die Schulden auf 120.000 Euro anwachsen lassen. In ihrem Briefkasten liegen immer wieder neue Kreditangebote derselben Bank, die durch eine Inkassofirma fast wöchentlich die Schulden telefonisch einzutreiben versucht. Sie ist verängstigt. Mit ihren 58 Jahren ist es so gut wie aussichtslos für sie, wieder Arbeit zu finden. Doch bevor die Banken auch nur einen Euro erstattet bekommen, bedient sich erst einmal der Staat. Er hat Vorrecht. Zum Glück darf Petroula noch in ihrem Haus bleiben, solange sich kein Käufer findet. Der Strom ist gesperrt, ihr Nachbar hilft ihr aus, Lebensmittel bekommt sie von uns, den Freunden. Viele Nachmittage stützten wir sie seelisch, wenn sie ankündigte, sich das Leben nehmen zu wollen.

Als meine inzwischen 96-jährige Mutter vor drei Jahren an der Galle operiert werden musste, war die Lage im Krankenhaus schon schwierig. Es gab weder Seife noch Toilettenpapier, und die Angehörigen mussten nachts die Patienten betreuen, sie waschen und ihnen die Infusionen anlegen. Ich hatte dazu weder die Zeit noch die Kraft und rief deswegen öfter den Notarzt. Der reagierte dann meistens sehr aggressiv, weil er eine ganze Station beaufsichtigen musste. Zuerst hatte der Staat die Ärzte und Krankenschwestern entlassen. Als Nächstes kamen die Lehrer dran. Immer traf es die niederen Ebenen, die am meisten gebraucht werden, die Putzfrauen zum Beispiel. Die Leiter von Ämtern und öffentlichen Einrichtungen blieben unbehelligt, obwohl sie doch ein Teil der Misere waren, da sie meist über Parteibeziehungen zu ihren Posten kamen.

Meine Familie und ich haben Tsipras gewählt, nicht weil er ein Linker ist, sondern weil er und seine nahen Mitarbeiter in keine schiefen Geschäfte verwickelt waren und wir dachten, dass er aufräumt mit diesen korrupten Zuständen, in denen sich ausländische Investoren und heimische Oligarchen bereicherten. Wir hofften auf Arbeitsplätze für unsere Kinder und eine bessere medizinische Versorgung. Wir hofften, dass der kleine Mann nicht mehr für die Geschäfte der Großen aufzukommen hat. Die Immobiliensteuer, die wir zu zahlen hatten, war so hoch, dass das Gehalt meines Mannes und große Teile meiner Entlohnung dabei draufgingen. Die Mieter unseres alten Hauses in Athen, das ich von meinem Vater geerbt habe, waren nicht in der Lage, die Mieten zu bezahlen, weil sie arbeitslos geworden waren. Ich brachte es nicht übers Herz, sie auf die Straße zu setzen. Als ich das Haus erbte, musste ich bereits eine exorbitante Erbschaftssteuer bezahlen, obwohl meine Tochter damals keine Arbeit hatte. Jeden Cent unserer Ersparnisse haben wir ausgegeben, um dieses einzige Haus nicht zu verlieren. Es wäre vom Staat beschlagnahmt worden, wenn nicht Tsipras an die Regierung gekommen wäre und diese ungerechte Besteuerung abgeschafft hätte. Noch immer bezahlen wir jeden Monat 800 Euro Stromsteuer. Jeder Eigentümer muss das bezahlen.

Die wirklich Reichen haben ihr Geld im Ausland gebunkert, niemand zieht sie bisher wegen Steuerhinterziehung zur Rechenschaft. Der vorige Finanzminister Giorgos Papakonstantinou erhielt ein Jahr auf Bewährung wegen seiner gut gefüllten Auslandskonten. Der andere Finanzminister, Gikas Chardouvelis, der die Griechen inständig darum gebeten hatte, ihr Geld nicht von den heimischen Konten abzuziehen, um die Wirtschaft nicht vollends zu ruinieren, hat seine Millionen in Einzeltranchen von 10.000 Euro nach England verschoben, weil solche geringen Beträge nicht zurückverfolgt werden. Als das vor zwei Monaten herauskam, besaß er auch noch die Unverfrorenheit, im Fernsehen zu erklären, er hätte wie jeder Grieche Angst gehabt und an die Zukunft seiner Kinder denken müssen.