Es ist nicht leicht, in Deutschland Bedenken zu haben gegen die Homo-Ehe. Sofort wird man verdächtigt, sich vor Ekel zu schütteln, wenn sich Schwule auf der Straße küssen. Sofort gilt man als ultrakonservativer Diskriminierer, der sich zurücksehnt in die Fünfziger, als der ideale Sexualakt noch aus Mann, Frau und dem beidseitig beglaubigten Willen zur Fortpflanzung bestand. Man leide an antiquierten Wahnvorstellungen, heißt es dann, sei nicht diskursfähig, vielleicht sogar gefährlich. So wie angeblich Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU). Sollte die Homo-Ehe kommen, warnte die saarländische Ministerpräsidentin jüngst, seien andere Forderungen nicht auszuschließen, "etwa eine Heirat unter engen Verwandten oder mehr als zwei Menschen". Dafür wurde Kramp-Karrenbauer sogar wegen Volksverhetzung angezeigt.

An der Haltung zur Homo-Ehe, das zeigt das Beispiel, scheint sich heute die persönliche Demokratiefähigkeit zu entscheiden. Der öffentliche Diskurs wird zum binären System: "Bist du für Wahlfreiheit und Selbstbestimmung oder dagegen? Willst du eins sein oder null?" Bloß: So einfach lässt sich das Bedenken nicht zum Schweigen bringen. Manche Bedenken muss man ernst nehmen. Die Frage ist nur: welche?

Natürlich gibt es sie, die Ewiggestrigen, die Homosexualität für widernatürlich halten, für eine Sünde wider Gott und Natur. Doch was ist das mittlerweile für ein bemitleidenswertes Häuflein! Sie rufen: "Das wird man doch noch sagen dürfen!" Aber nicht einmal die CDU hört heute mehr auf sie. Denn wer glaubt, die göttliche Wahrheit gepachtet zu haben, hat einer Gesellschaft in Fragen der Lebensführung nicht mehr zu sagen als "Gehorcht!". Damit ist in einer Demokratie kein Diskurs zu machen. Damit marginalisiert man sich nur selbst.

Die weitaus größte und einflussreichste Gruppe der Bedenkenträger ist da schon anschlussfähiger. Gemeint sind alle Mittelschicht-Häuschenbesitzer, die Homosexualität im Prinzip normal finden, aber sich nicht vorstellen wollen, dass der Sohn einen Schwiegersohn anschleppen könnte. Dafür schämen sie sich insgeheim und kompensieren es damit, dass sie alle Jubeljahre Grün statt Schwarz wählen. Meist wurden diese Väter und Mütter in einer Zeit groß, als Homosexualität höchstens toleriert wurde. Die meisten können sich deshalb noch gut an den Männerkuss in der Lindenstraße erinnern, der 1990 einen fernsehhistorischen Proteststurm auslöste. Den Fernsehkuss fanden diese Bedenkenträger im Prinzip richtig. Im entscheidenden Moment guckten sie aber doch weg – und schämten sich dafür. Selbst in der großstädtischen Lindenstraße, erinnern sie sich irritiert, kam Homosexualität stets am bürgerlichen Rand vor und hatte mit der typisch deutschen Welt von Mutter Beimer so viel zu tun wie Hausmusikabende mit der knospenden Liebe zwischen Carsten Flöter und Robert Engel. Wie kann es sein, fragen sie sich, dass Homosexualität binnen weniger Jahre so öffentlich-rechtlich bieder werden konnte? Was erwarten Homosexuelle von der Ehe? Haben sie nicht mitbekommen, dass immer mehr Mittelschicht-Ehen geschieden werden? Geht es ihnen gar nicht ums Glück, sondern nur ums Prinzip?

Immerhin bemühen sich diese Bedenkenträger, tolerant und gut demokratisch zu sein, auch wenn sie sich mit der Akzeptanz der ganz normalen Homosexualität so schwertun wie manche altgedienten Homo-Aktivisten, die nicht wissen, was sie vom schwulen Biedermeier nun zu halten haben. Die Homo-Ehe, so die Angst, könnte bei aller Sympathie für den Kampf gegen Diskriminierung der Ehe ihre repräsentative Durchschnittlichkeit rauben. Was diese Bedenken nun demokratiefähig macht, ist die eigene Unsicherheit der Position. Unsichere Bedenkenträger schleppen ein Bauchgefühl mit sich herum, von dem sie befreit werden möchten. So wie Angela Merkel. 2013 wurde die Bundeskanzlerin in einer TV-Runde gefragt, was sie von der Homo-Ehe und dem Adoptionsrecht für Homosexuelle halte. "Ich tue mich schwer damit", sagte Merkel und sah dabei so gequält aus, dass jeder ihr den Kampf an der eigenen Toleranzgrenze ansah.

Aber natürlich gibt es nicht nur die Erleuchteten und Bauchgrummler, es gibt auch die vereinzelten Warner und Argumentsucher. Annegret Kramp-Karrenbauer gehört dazu, das wird bei aller Empörung über ihren "Inzucht"- und "Polygamie"-Vergleich gerne übersehen. Hinter dem schrillen Vergleich verbirgt sich nämlich eine ernst zu nehmende Frage: Reichen Selbstbestimmung und Wahlfreiheit alleine aus, um die Homo-Ehe zu legitimieren?

Kramp-Karrenbauer ist nicht die Erste, die diese Frage stellt. Der US-Philosoph Michael Sandel formuliert es in seinem Bestseller Gerechtigkeit ähnlich: "Wäre der Staat in Hinblick auf den moralischen Wert aller freiwillig eingegangenen intimen Beziehungen wahrhaft neutral, hätte er keinen Grund, die Ehe auf zwei Personen einzuschränken – einvernehmliche polygame Partnerschaften würden die Kriterien ebenso erfüllen." Damit hat es Sandel sogar als gefeierter Gastredner auf den Kirchentag in Stuttgart geschafft – der Gipfel der deutschen Demokratiefähigkeit! "In der Debatte um Homo-Ehen", so Sandel weiter, "geht es in Wahrheit nicht um Wahlfreiheit, sondern darum, ob gleichgeschlechtliche Vereinigungen es verdient haben, von der Gesellschaft geachtet und anerkannt zu werden."

Das ist jenseits großer, revolutionärer Durchbrüche auch ein Weg, in einer Demokratie den eigenen Bedenken zu begegnen: Indem man Fragen mit Fragen beantwortet und sich so den Antworten langsam entgegentastet.