Der Druck auf den Finanzchef des Vatikans wegen eines Missbrauchsskandals wird immer größer. Eine Untersuchungskommission im australischen Bundesstaat Victoria lud Kurienkardinal George Pell offiziell zu einer Anhörung. In dem Verfahren geht es um Vorwürfe des Australiers David Ridsdale, im Alter von elf Jahren von seinem Onkel, dem katholischen Priester Gerald Ridsdale, missbraucht worden zu sein. 

Vor der Untersuchungskommission zu den Missbrauchsfällen in der Katholischen Kirche hatte der Neffe gesagt, er habe sich im Jahr 1993 Pell anvertraut. Der Kardinal habe ihn daraufhin gefragt, welchen Geldbetrag er ihm anbieten könne, damit er die Vorwürfe für sich behalte. Pell wird auch vorgeworfen, die Versetzung Gerald Ridsdales in verschiedene  Gemeinden gefördert zu haben. Ridsdale missbrauchte über Jahrzehnte in Ballarat mindestens 50 Jungen, bevor er 1993 zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.

Der 73-jährige Pell bestreitet alle Vorwürfe. Er ist seit Februar 2014 Präfekt des vatikanischen Wirtschaftssekretariates und damit eine Art Finanzminister des Vatikans. Zudem gehört er der von Papst Franziskus eingesetzten Kardinalskommission für eine Reform der Römischen Kurie an.

Peter Saunders, der von Papst Franziskus vor einem halben Jahr als Kommissar für den Schutz von Kindern eingesetzt worden war, forderte den Rücktritt Pells. Der Kardinal habe im Umgang mit Missbrauchsvorwürfen "gefühllos, kaltherzig, fast soziopathisch" gehandelt, sagte Saunders dem australischen Sender Channel Nine. Er sei ein "massiver, massiver Dorn in der Seite des Pontifikats von Papst Franziskus, wenn ihm zu bleiben erlaubt wird". Pell müsse zurücktreten, in Australien aussagen und der Papst müsse entschieden gegen ihn vorgehen.

Der Sprecher des Papstes sagte, Saunders spreche in seinem eigenen Namen und nicht für die gesamte Kommission. Pell habe immer die Fragen der australischen Justiz "eingehend" beantwortet, sagte Federico Lombardi.

Ein Sprecher Pells nannte die Anschuldigungen "falsch und irreführend". Saunders habe sich sein Urteil gebildet, "ohne jemals mit Seiner Eminenz gesprochen zu haben". Pell sei als Erzbischof von Anfang an "energisch gegen sexuellen Missbrauch von Kindern vorgegangen" und habe eine unabhängige Untersuchung ermöglicht. Pell erwäge juristische Schritte gegen Saunders. "Die falschen und irreführenden Behauptungen gegen Seine Eminenz sind unerhört", hieß es.