Für das Lied Laudato si reichen vier Akkorde und eine einfache Schlagtechnik. G-Dur, e-Moll, a-Moll, D-Dur, und wieder von vorn. "Laudato si, o mi signore, laudato si." So hebt es an. Jeder Durchgang endet mit einem inbrünstigen: "Sei gepriesen, denn du bist wuhundeherbahar, Herr." Es war unser Lied, damals Anfang der Achtziger. Laudato si kam nicht so hüftsteif daher wie Danke für diesen guten Morgen. Mit Laudato si schlossen wir von "Großer Gott, wir loben dich" unmittelbar zu Adriano Celentano auf. Wir sangen es um die Wette, gewonnen hatte, wer alle Strophen konnte und singende Fische von kreisenden Vögeln zu unterscheiden wusste. Wir fragten uns, warum in einer Strophe vom "Licht" im Singular die Rede ist und von "Dunkelheiten" im Plural. Wir ignorierten, dass unser Italo-Credo eigentlich im Jugendhaus Altenberg entstanden war und nicht in einer lauen Sommernacht am Mittelmeer. Wir wussten kaum, was es mit diesem Franz von Assisi auf sich hatte, aber dass er mit Tieren sprach, fanden wir sympathisch. Wir kauften die ersten Shampoos, die ohne Tierversuche auskamen.

Die Bücher von Franz Alt Frieden ist möglich und Liebe ist möglich erschienen als die natürliche Fortsetzung des franziskanischen Sonnengesangs. Wir sangen Laudato si in der Endlosschleife, als wir Schals für den Frieden strickten. Wir glaubten, mit der Bergpredigt in der Hand die Welt verbessern zu können. Wir hörten gern, dass Franz von Assisi sich mit dem Papst angelegt hatte. Im Vatikan saß Johannes Paul II., der zwar viel reiste, aber in Fragen, die uns interessierten, nicht vom Fleck kam. Wir wurden kleruskritisch wie der Asket aus Assisi und wiederholten immer die gleichen Akkordfolgen: Sexualmoral, Frauenweihe, Zölibat, Romhörigkeit. G-Dur, e-Moll, a-Moll, D-Dur und wieder von vorn.

Als wir älter wurden, als sich Dunkelheiten ins Licht mischten, hatte sich Laudato si erledigt. Wenn ich doch mal die Gitarre auspacke und bei einer improvisierten Morgenandacht den Hit aus der katholischen Jugend anstimme, schauen mich meine Kinder komisch an. "Mama, alles okay mir dir?", fragen sie. Der Sonnengesang mit Klampfenbegleitung, das ist für sie der Soundtrack einer nostalgischen Enthemmung. Seit Jahren singt der Stimmungsmacher Mickie Krause auf Mallorca-Partys Laudato si. Die Hände zum Himmel und alle grölen mit. "Sei gepriesen, denn du bist wuhundeherbahar" inmitten von Sangria-Ausdünstungen und All-inclusive-Versprechen – so hatten wir uns die Weltverbesserung nicht vorgestellt.

Jetzt hat Franziskus seine Enzyklika Laudato si genannt. Ein Papst, der sich diesen Namen gebe, könne nicht harmlos sein, schrieb der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf vor einigen Monaten in Christ&Welt. Von Enzykliken gingen für uns Jugendbewegte selten good vibrations aus. Die Namen der Lehrschreiben klangen noch hüftsteifer als die protestantische Zeile "Danke für meine Arbeitsstelle". Adriano Celentano sang schließlich auch nicht auf Latein.

Aber diese Enzyklika hier bringt Saiten von früher zum Schwingen. In jener Zeit war der Weg vom Sonnengesang zu Aufklebern in Sonnenform mit "Atomkraft, nein danke" und zu einer Sonnenblumenpartei kurz. Jetzt knackst die Schulter, wenn wir zur Gitarre greifen. Sei gepriesen für Rückenschulen und Physiotherapeuten.

Wir sind abgeklärte Konsumenten unserer eigenen Desillusionierung. Klar, dass jetzt auch noch der Papst die Atomkraft kritisch hinterfragt, sagen wir. Aber kriegt der nicht seinen Strom aus italienischen Steckdosen? Klar, dass jetzt auch noch der Papst gegen Klimawandel ist. Aber war der nicht mit dem Flugzeug auf den Philippinen und zum Weltjugendtag in Brasilien? Klar, dass jetzt auch noch der Papst die Schöpfung bemüht, um den Kapitalismus zu kritisieren. Aber will er den Marxismus zurück? Wäre da nicht an manchen Stellen der Enyzklika ein Hauch von Romano Guardini oder von Benedikt XVI. samt seiner Ökologie des Menschen, ein solches Papier wie Laudato si hätte auch gleich Greenpeace schreiben können, witzeln wir Durchblicker.

Wir sind genau die Zyniker und Drübersteher geworden, vor denen wir unsere Eltern mit kapitalismus- und kleruskritischen Gesängen immer gewarnt haben. Wir gehören jetzt selbst dem Öko-Klerus an, mit Bio-Mairübchen im Gemüsefach. Wir wollen keinen, der unseren Lebensstil durcheinanderwirbelt. Wer braucht noch den Sonnengesang, wenn er Solarzellen auf dem Dach hat?

Mein Gott, wir ahnen natürlich, dass ein gutes Leben weder im Hofladen zu haben ist noch in Öko-Hostien an der Kommunionbank verteilt wird. Manchmal würden wir gern Jesus weiter als bis auf den Jakobsweg folgen. Aber mehr als ein Sabbatical ist nicht drin.

Wir fanden es verlogen, als Benedikt XVI. die katholische Kirche als erhabenes Gegenbild zur schmutzigen Welt inszeniert hat. Jetzt sind wir verstört, weil Franziskus sie zum Traumraum umgestaltet. Zu einem Ort, an dem die Vier-Akkorde-Naivität heilig ist. Er lässt sich weder vom Mallorca-Gestampfe noch von unserer Dauer-Ironie beirren. Der Mann in Rom ist radikal. Er ist so, wie wir trotz Laudato si nicht geworden sind. Er ist zornig, wir sind bürgerlich. Er ist sohondeherbahar, wir sind vernünftig. Er ist jung, wir sind alt. Entweder wir lieben ihn dafür. Oder wir verzeihen ihm das nie.