Todesopfer rechter Gewalt seit 1990. Klicken Sie auf das Bild, um die interaktive Karte zu öffnen.

Ziemlich genau 15 Jahre ist es her, dass im brandenburgischen Eberswalde Falko Lüdtke starb. Am 31. Mai 2000 begegnete der damals 22-jährige Punk, die Dreadlocks orangerot gefärbt, an einer Bushaltestelle dem stadtbekannten Neonazi Mike B. Er sprach ihn auf eine handtellergroße Hakenkreuz-Tätowierung auf dem kahlrasierten Hinterkopf an. Es entspann sich ein Streit, der später im Bus weiterging. Nachdem beide dann an derselben Haltestelle ausstiegen, eskalierte die Auseinandersetzung. Der wesentlich kräftigere und größere Mike B. prügelte auf Falko Lüdtke ein, stieß ihn schließlich vor ein vorbeifahrendes Taxi. Dessen Fahrer konnte nicht mehr bremsen.

Für die Behörden war dieser Tod 15 Jahre lang eine unpolitische Sache. Zwar hatten die Richter im späteren Prozess festgestellt, dass Mike B.s rechtsextreme Gesinnung die Ursache der Tat war. In einer Liste von Todesopfern rechtsmotivierter Gewalt, die ZEIT ONLINE gemeinsam mit dem Tagesspiegel seit 2010 veröffentlicht, wird Falko Lüdtke deshalb genannt – nicht aber in den offiziellen Statistiken von Bund und Ländern.

Er ist kein Einzelfall. Während laut unserer Recherchen seit 1990 im wiedervereinigten Deutschland mindestens 156 Menschen durch Neonazis oder andere rechtsmotivierte Täter getötet wurden, zählten die Sicherheitsbehörden bundesweit lediglich 64. Opferinitiativen oder die Amadeu-Antonio-Stiftung kommen gar auf mehr als 180 Tote. 

"Manche damaligen Einschätzungen von Polizei und Justiz machen betroffen"

Zumindest Brandenburg vollzieht nun eine Kehrtwende. Nach einer unabhängigen Prüfung erkennt das Innenministerium neun weitere Fälle aus den Jahren 1990 bis 2000 als politisch motiviert an – auf einen Schlag verdoppelt sich damit die Zahl der offiziell erfassten Todesopfer. "Die Untersuchungen gewähren rückwirkend einen tiefen Einblick in die Realität des Rechtsextremismus in unserem Land in den neunziger Jahren", sagte Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) am Montag in Potsdam. "Manche Schilderungen der Tatabläufe lassen einen auch heute noch frösteln."

Sein Amtsvorgänger, der heutige Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), hatte im Frühjahr 2013 die Untersuchung angestoßen. In akribischer Kleinarbeit überprüften daraufhin Mitarbeiter des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums mehr als 20 unklare Fälle. Sie werteten alte Zeitungsberichte aus, stöberten Zeugen der damaligen Taten auf und befragten sie erneut. Die Behörden durchforsteten die Archive von Polizei und Justiz nach Akten – doch in einigen Fällen waren die nach so langer Zeit längst vernichtet.

Neben dem Punk Falko Lüdke zählt nun beispielsweise auch Andrzej Fratczak offiziell als Opfer rassistischer Gewalt; drei junge Deutsche hatten den Polen am 7. Oktober 1990 vor einer Diskothek in Lübbenau verprügelt und durch einen Messerstich tödlich verletzt. Ebenso der Obdachlose Erich Fisk, der 1997 in Angermünde zu Tode geprügelt wurde. Oder auch Belaid Baylal. Der marokkanische Gewerkschafter war vor Verfolgung und Folter nach Deutschland geflohen, als er 1993 in einer Gaststätte in Belzig von zwei rechtsextremen Skinheads zusammengeschlagen wird. Im November 2000 starb er an den Spätfolgen seiner schweren Verletzungen. Bisher war er nur deshalb durch das offizielle Erfassungsraster für Todesopfer rechter Gewalt gefallen, weil zwischen Tat und Tod eine so lange Zeit lag.

Kritik an den Behördenstatistiken gibt es seit vielen Jahren. Zuständig für die Erfassung sind die einzelnen Bundesländer, und offensichtlich unterscheidet sich die Zählpraxis von Land zu Land. Außerdem war bis zum Jahr 2000 die offizielle Definition für Gewalt von rechts sehr eng. Sie zählte nur rechtsextremistische Taten, also solche, die – dem offiziellen Extremismusbegriff folgend – direkt auf die Abschaffung des Staates oder seiner freiheitlich-demokratischen Grundwerte zielten. Viele Angriffe wie jene auf Falko Lüdtke oder Belaid Baylal fielen schon definitorisch durch dieses Raster.