Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne finden Sie hier – und auf seiner Website.

Fünf Fälle

  1. Der Sturm bläst. Ein Baum fällt um. Er trifft ein vorüberfahrendes Auto. Die Fahrerin A, die 20 km/h schneller als erlaubt fuhr, wird leicht verletzt, ihre auf dem Beifahrersitz sitzende Mutter stirbt. 
  2. Herr B leidet an einer Wahnerkrankung. Während eines akuten Schubs panischer Angst vor unsichtbaren Verfolgern greift er auf der Straße wahllos einen Passanten an und ersticht ihn.
  3. Autofahrer C fährt zu schnell durch die Wohnstraße mit 30er-Limit. Zwischen zwei geparkten Autos springt ein Kind hervor. C reagiert zu spät und überfährt es: Das Kind ist tot. Bei Einhaltung der erlaubten Höchstgeschwindigkeit hätte C vielleicht rechtzeitig stoppen können.
  4. Autofahrer D fährt nachts von der Betriebsfeier nach Hause. Er hat 1,5 Promille Blutalkohol. Er übersieht den Radfahrer R, der ohne Licht unterwegs ist, und verletzt ihn tödlich.
  5. Flugzeugmechaniker E ist unausgeschlafen. Er übersieht eine Fehler-Anzeige. Das von ihm gewartete Flugzeug muss notlanden, sechs Passagiere kommen dabei ums Leben.

Das waren ein paar – recht wahllos gebildete – "Fälle", wie sie jeden Tag, so oder so, vorkommen und von deutschen (Straf)Gerichten entschieden werden (müssen). Was meinen Sie: Sollte man die Beteiligten A bis E bestrafen? Und wenn ja: Warum, und wie? Ich löse die Fälle hier nicht, sondern fordere Sie auf, selbst darüber nachzudenken.

 

Zufall

In allen Fällen geht es (auch) um den Begriff und die Vorstellung vom Zufall. Was meinen wir damit? Das Wort beschreibt einen Zusammenhang zwischen Ereignissen und anderen Ereignissen oder Zuständen. Genauer gesagt: Es geht um einen "kausalen" Zusammenhang, also eine Beziehung von Ursache und Wirkung, um "weil" und "deshalb". Darin enthalten ist stets auch eine Vorstellung von "Entwicklung", also Bewegung: Etwas "kommt von" etwas; ein Umstand "führt zu" einem anderen. Der Zufall ist also – mindestens – ein Kind der Bewegung und der Zeit, wenn nicht gar deren Deckname. Im Stillstand, im schwarzen Loch, endet er. An all diesen Begriffen arbeitet sich die Philosophie seit 2000 Jahren ab. Ich mache es heute ein bisschen kürzer.

Vergleichen wir uns, ausnahmsweise einmal, mit dem Wildschwein, einem nahen Verwandten. Es liegt im Dickicht, wenn die Sonne scheint. Es bewegt sich in der Dämmerung. Es tut überhaupt meistens, was Wildschweine tun müssen, manchmal aber auch genau das Gegenteil, schon um des Gedenkens von Charles Darwin willen. Gewiss spürt es in sich den Geruch der Finsternis oder die Verheißung des Windes, die Kühle des Regens und die reißende Gewalt des großen Raubtiers. Es träumt. Es macht sich aber, so glauben wir, keine Gedanken über die Zusammenhänge. Es geht in Deckung, wenn am Himmel ein Gewitter aufzieht oder ein Waidmann samt Kleinem Münsterländer noch vor der Frühschicht im Operationssaal die Pacht durchstreift. Es hat auch eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was passiert, wenn man lange und tief genug den Waldboden unter den Eichen umpflügt: leckeres Essen! Trotzdem meint der Wildschweinforscher: Das Schwein denkt nicht, denn es kann nicht zwischen Zufall und Kausalität unterscheiden.

Dagegen wir: Vom ersten Augen-Blick nach dem Erwachen bis zum letzten verlorenen Gedanken vor dem Schlaf konstruieren wir "Kausalität": Ursächlichkeit, Abhängigkeit, Bedingungen. Im Schlaf überwältigen sie uns: Wie die Erde aufspringt, weil wir nicht rechtzeitig mit einer Aufgabe fertig geworden sind; wie eine Stimme das Haus zum Einsturz bringt; wie unser verstorbener Vater uns lobt, weil wir über einen Berg gesprungen sind; wie alle Wunder und Träume der Welt in eins münden, wenn wir sie nur "verstehen". Die Gründe für solch somnambule Verknüpfungen halten wir, je nach Temperament und Bildung, für dummes Zeug oder eine Offenbarung unseres Selbst. Die meisten von uns sind bereit, jenen traumhaften Kausalitätskonstruktionen großes "reales" Gewicht beizumessen: als Enthüllung des Übersinnlichen, als Manifestationen unserer "Seele", als Erinnerungen an die feuchte Erde oder die engeldurchflogene Ewigkeit.

Immerzu also geht es uns um "Ursachen". Warum? Die Antwort ist leicht: Allein und ausschließlich, weil es uns um Folgen geht. Die wahren Gründe für irgendetwas sind uns, wie dem Wildschwein im Gebüsch, letztlich gleichgültig, wenn wir den Eindruck haben, die Sache habe sich erledigt: Wenn Gerhard Polt in seinem genialen Stück Bad Hausen (unbedingt anhören!) als Bürgermeister vor den "lieben Kurgästen" über die Gründe referiert, aus welchen das gegenständliche Kaff erstens "Hausen" heißt und zweitens "Bad" ist, ersteht eine überwältigende Komik der Darstellung allein aus der vollständigen Sinnlosigkeit behaupteter Kausalität – unabhängig davon, ob sie "zutrifft". Mit anderen Worten: Die Kausalität ist ein vertracktes Ding. Ob sie in der Wirklichkeit so funktioniert, wie wir uns das vorstellen, weiß man jedenfalls seit Max Planck und Albert Einstein nicht mehr wirklich. Heute reicht es zur Erlangung des Nobelpreises absolut aus, ein spieltheoretisches "Modell" von Kausalität zu entwerfen (falls nicht die Jungs aus dem anderen Sandkasten dazwischenfunken und alles mit ihren hirnzerforschenden Feuerungskausalitäten in Klump schießen).

Fliegende Schweine

Zufall ist, wenn ein Ereignis keine Ursache hat. Ja, Sie haben richtig gelesen. Diese Erkenntnis liegt knapp über dem Wildschwein und gilt als nicht Smalltalk-kompatibel. Menschen, die annehmen, die Ereignisse dieser Welt seien unverbundene, ursachenlose Zusammenstöße von kognitiven Systemen, gelten als (möglicherweise) hochintelligent, aber nur bis auf Weiteres in Freiheit: Es könnte sein, dass sie demnächst schlimmere Auffälligkeiten zeigen …