Einen kurzen Moment gibt es, da ist aus dem Gesicht von Angela Merkel die Bundeskanzlerin verschwunden. Zu sehen ist eine Frau, der die Worte fehlen, nur ein leises "och Gott" murmelt sie. Genau fünf Sekunden dauert es, dann hat Merkel wieder ein professionelles Lächeln aufgesetzt, geht auf das weinende Mädchen zu und sagt: "Das hast du doch prima gemacht." 

Gut Leben in Deutschland heißt die Kampagne, für die Angela Merkel sich gerade in Bürgernähe begibt. Anfang der Woche hatte sie dem YouTube-Star LeFloid erklärt, dass "wir unseren Dialog mit den Menschen in Deutschland begonnen haben". Die Bundesregierung wolle sich künftig noch konkreter an dem orientieren, was den Menschen in Deutschland wichtig ist.

Doch was, wenn ihnen etwas wichtig ist, das Merkels Politik nicht vorsieht? Reem ist eine von diesen Menschen in Deutschland, vor vier Jahren floh die Palästinenserin mit ihrer Familie aus dem Libanon. Sie spricht akzentfrei Deutsch, möchte bleiben, studieren. Integration, wie die CDU es sich nicht besser träumen könnte. Doch Reems Familie wird vielleicht abgeschoben.

"Das ist manchmal auch hart, Politik. Wenn du jetzt vor mir stehst, du bist ja ein unheimlich sympathischer Mensch", sagt Merkel dem Mädchen. "Aber du weißt auch, in den palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon gibt es noch Tausende und Tausende und wenn wir jetzt sagen: Ihr könnt alle kommen, und ihr könnt alle aus Afrika kommen, das können wir auch nicht schaffen."

Auf den Lebenstraum eines Mädchens antwortet Merkel mit Sachzwängen, (wer spricht eigentlich davon, dass "alle aus Afrika" kommen wollten?) Reem, erst noch höflich lächelnd, bricht in Tränen aus.

Das war so nicht vorgesehen. In dem Imagevideo auf der Kampagnenwebsite sagen zufriedene Menschen gepflegte Sätze in die Kamera. Sie wünschen sich Arbeit, Liebe, Zeit, Familie.

Probleme mit einem Kanzlerinnenlächeln lösen

Merkel und ihr Team haben offenbar erwartet, dass dieser von ihnen in Auftrag gegebene Film etwas mit der Lebensrealität der Menschen in Deutschland zu tun hat. Dass die "Bürger", die zu den "Dialogveranstaltungen" kommen, Probleme haben, die sich mit einem Kanzlerinnenlächeln lösen lassen.

Nach den fünf echten Schocksekunden tritt Merkel zu dem Mädchen, legt ihr die Hand auf die Schulter und lobt sie, "weil du ganz toll dargestellt hast, in welche Situation man kommen kann".

Ihr scheint nicht aufzugehen, dass das Mädchen nichts "darstellt", dass sie keine Statistin in diesem Bürgerdialog ist, sondern eine von diesen echten Menschen mit echten Problemen, um die es ja eigentlich gehen soll.

Immerhin ist Merkel ehrlich – sie tut nicht so, als wolle ihre Regierung Menschen wie Reem nicht abschieben. Da steckt das eigentliche Problem an Merkels Bürgerdialog: Das Regierungsprogramm wird konfrontiert mit der Realität.

Da wird schnell klar, dass die Unterscheidung in "gute" und "schlechte" Ausländer, wie die Bundesregierung sie gerade mit ihrem neuen Asylgesetz festgeschrieben hat, nichts taugt. Dass das Bleiberecht für "gut integrierte und rechtstreue Ausländer", das Bundesinnenminister Thomas de Maizière verspricht, der gut integrierten und gesetzestreuen Reem offensichtlich nicht nützt.

Merkels Bürgerdialog erlebt gerade, was schon viele Unternehmen erfahren mussten: Kampagnen können nach hinten losgehen, wenn tatsächlich die Meinung von Menschen gefragt ist.

Wichtig, sagt Merkel noch, sei vor allem, dass schneller über einen Asylantrag entschieden werde. "Ich denke, dass wir innerhalb eines Jahres die allermeisten Fälle, die älter als zwei Jahre sind, abgearbeitet haben", sagt sie dem Moderator. Den Fall, der vor ihr sitzt, das Mädchen Reem, muss sie dabei nicht mehr anschauen, sie spricht jetzt zu Kamera und Moderator.