Im Auschwitz-Prozess hat das Landgericht Lüneburg den früheren SS-Mann Oskar Gröning zu vier Jahren Haft verurteilt. Der 94-Jährige habe sich der Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen schuldig gemacht, urteilte das Gericht. Ob der gesundheitlich angeschlagene Gröning haftfähig ist, muss die Staatsanwaltschaft aber noch prüfen.

Die Anklage hatte in der vergangenen Woche dreieinhalb Jahre Haft für den 94-Jährigen gefordert. Die Nebenklage hatte dieses Straßmaß als zu niedrig kritisiert. Die Verteidigung hatte einen Freispruch gefordert, weil Gröning den Holocaust im strafrechtlichen Sinne nicht gefördert habe.  

Der Vorsitzende Richter Franz Kompisch sagte, an Gröning gewandt: Der Dienst in Auschwitz "war Ihre Entscheidung. Sicherlich aus der Zeit heraus bedingt, aber nicht unfrei". Gröning sei es lieber gewesen, in Auschwitz zu sein als an der Front. "Ich will Sie hier nicht als feige bezeichnen, Herr Gröning, aber Sie haben sich hier für den sicheren Schreibtischjob entschieden. "Gröning nahm das Urteil äußerlich unbewegt auf.  

Kompisch ging zudem auf die Frage ein, inwiefern ein Prozess Jahrzehnte nach dem Holocaust sinnvoll ist. "Man kann auch nach 70 Jahren hier Gerechtigkeit schaffen. Man kann hier ein Urteil finden. Man muss es auch", sagte er.

Zu Prozessbeginn hatte sich Gröning zu seiner moralischen Mitschuld bekannt. Er gestand, im Konzentrationslager Auschwitz geholfen zu haben, Geld der Häftlinge einzusammeln und an die SS weiterzuleiten. Die Anklage warf ihm vor, so dem NS-Regime wirtschaftliche Vorteile verschafft und das systematische Töten unterstützt zu haben.  

Gröning hatte ausgesagt, er habe regelmäßig Dienst bei der Selektion eintreffender Juden in dem Konzentrationslager geleistet. An der Rampe sei er während der sogenannten Ungarn-Aktion nur drei Mal im Einsatz gewesen. Dabei waren im Frühsommer 1944 binnen weniger Wochen mehr als 400.000 Juden aus Ungarn nach Auschwitz verschleppt und in den meisten Fällen sofort ermordet worden. Gröning leitete bei den Opfern gefundenes Bargeld nach Berlin weiter und bewachte in einigen Fällen deren Gepäck bei der Ankunft an der Rampe. Die Anklage beschränkte sich aus rechtlichen Gründen auf die etwa 137 Transporte aus Ungarn. 

Die Nebenkläger sind mit dem Urteil einverstanden. "Es erfüllt uns mit Genugtuung, dass nunmehr auch die Täter Zeit ihres Lebens nicht vor einer Strafverfolgung sicher sein können", hieß es in einer Erklärung von Anwalt Thomas Walther. Erstmals habe sich in einem Prozess wegen NS-Verbrechen ein Angeklagter zu seiner Schuld bekannt und sich dafür entschuldigt. 

Walther vertritt mit einem Kollegen viele der mehr als 70 Nebenkläger, zumeist Überlebende von Auschwitz. "SS-Angehörige wie Gröning, die bei der Ermordung unserer Familien mitgewirkt haben, haben uns lebenslanges und unerträgliches Leid zugefügt. Weder das Strafverfahren noch die Worte des Angeklagten können dieses Leid lindern", hieß es in der Erklärung. "Dieses Urteil ist ein später, leider allzu später Schritt hin zur Gerechtigkeit."

Jüdische Organisationen begrüßen das Urteil

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, wertet die Haftstrafe als wichtiges Signal. "Die Versäumnisse der deutschen Justiz, die solche Verfahren jahrzehntelang verschleppt oder verhindert hat, lassen sich damit zwar nicht mehr gutmachen", teilte Josef Schuster mit. Dennoch habe die Verurteilung für die Opfer und ihre Angehörigen hohe Bedeutung. "Und wenigstens hat er eine moralische Mitschuld eingeräumt."

Auch das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem hat das Urteil als "wohlverdient" begrüßt. "Wir hoffen, dass dies die deutschen Behörden ermutigen wird, weitere Fälle zu verfolgen", sagte der Leiter Efraim Zuroff. Konkret nannte er beispielsweise ehemalige Mitglieder von Einsatzgruppen.  

Der Jüdische Weltkongress (WJC) teilte mit: "Obgleich verspätet, ist Gerechtigkeit geschehen. Herr Gröning war nur ein kleines Rädchen in der Nazi-Todesmaschinerie, aber ohne das Zutun von Leuten wie ihm wäre der Massenmord an Millionen von Juden und anderen nicht möglich gewesen." Im WJC sind jüdische Gemeinden aus aller Welt zusammengeschlossen.

Aussagen von Überlebenden

Der womöglich letzte Auschwitz-Prozess, der drei Monate dauerte, stieß auch im Ausland auf großes Interesse. Etliche Holocaust-Überlebende hatten ihre Verschleppung sowie den Massenmord in dem Vernichtungslager geschildert. Dabei kamen unter anderem die menschenverachtenden medizinischen Experimente von Lagerarzt Josef Mengele sowie das Vergasen und Verbrennen von Juden im Takt der eintreffenden Züge zur Sprache.   

Aufsehen erregte die Aussage der 81-jährigen Eva Kor, dass sie Gröning vergebe. "Meine Vergebung spricht die Täter nicht frei", sagte sie. Kor hat mit ihrer Zwillingsschwester grausame medizinische Experimente in Auschwitz überlebt, die übrigen Familienmitglieder starben dort. In Lüneburg hatte sie an Gröning appelliert, umfassend auszusagen und auch Neonazis die Wahrheit über Auschwitz zu erzählen.   

Ein erster Prozess war 1985 eingestellt worden

Wegen der schlechten Gesundheit des 94-Jährigen musste der Prozess immer wieder unterbrochen werden, mehrere Verhandlungstage fielen aus. 

Oskar Gröning gilt als "Buchhalter von Auschwitz". Da er eine Banklehre absolviert hatte, wurde der Freiwillige der Waffen-SS 1942 in dem Konzentrationslager dafür eingeteilt, zurückgelassenes Geld der Verschleppten zu zählen und an die SS in Berlin weiterzuleiten. Im September 1944 wechselte er in eine Einheit, die an der Front kämpfte. Nach seinen Angaben geschah das erst nach dem dritten von ihm gestellten Versetzungsgesuch.

Nach dem Krieg kam Gröning zunächst in britische Gefangenschaft, dann lebte er mit Frau und Kindern ein bürgerliches Leben in der Lüneburger Heide. Gegen ihn wurde bereits 1977 ermittelt. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt stellte das Verfahren im März 1985 aber mangels Beweisen ein. Eine Wiederaufnahme wurde später abgelehnt.  

Gröning kam erst jetzt vor Gericht, weil die Justiz bis 2011 darauf bestand, dass KZ-Aufsehern eine direkte Beteiligung an den Morden nachgewiesen werden muss. Erst nachdem die Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen ihre Beurteilung änderte, wurden die Ermittlungen wieder aufgenommen.