Beate Zschäpe holt zum nächsten Versuch aus, ihre drei langjährigen Pflichtverteidiger loszuwerden: Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess hat Anja Sturm, Wolfgang Stahl und Wolfgang Heer angezeigt.  

Ein entsprechendes Schreiben sei bei der Staatsanwaltschaft München I eingegangen, bestätigte ein Sprecher der Behörde, Thomas Steinkraus-Koch, der Bild-Zeitung. Bei der Erstellung der Anzeige sollen Zschäpe ihr neuer vierter Pflichtverteidiger, Mathias Grasel und der Anwalt Hermann Borchert geholfen haben. Der Vorwurf laute auf Verletzung von Privatgeheimnissen nach Paragraf 203. Stahl sagte Spiegel Online: "Die Vorwürfe sind haltlos."

Zschäpes Anzeige beruft sich auf eine Erklärung des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl, der am Montag von Gesprächen mit den drei Zschäpe-Verteidigern berichtet hatte. Heer, Stahl und Sturm hätten angesichts der Bestellung eines vierten Pflichtverteidigers Skepsis geäußert und geltend gemacht, das Verhältnis zur Angeklagten Zschäpe könne geschwächt werden. Auch sollen die Verteidiger zu Götzl gesagt haben, sie hätten Zschäpe – die seit Beginn des Prozesses schweigt – nie an einer Aussage gehindert. "Wenn sie hätte aussagen wollen, hätte sie das gekonnt", gaben die Verteidiger demnach an.  

Zschäpe soll nach Angaben Grasels von diesen Gesprächen nichts gewusst haben. Die Information darüber hätte bei seiner Mandantin "naturgemäß zu Befremden" geführt, sagte Grasel.

Welche Folgen Zschäpes Anzeige für den bereits seit über zwei Jahren laufenden NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht hat, lässt sich noch nicht absehen. Die Anzeige werde nun geprüft, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Wann mit einem Ergebnis zu rechnen sei, sei offen.

Nach den Ereignissen der vergangenen Tage ist jedoch klar, dass Zschäpe versucht, ihre Anwälte mit allen Mitteln loszuwerden. Das Verhältnis zwischen Heer, Stahl und Sturm und der Angeklagten gilt seit Monaten als zerrüttet. Am Montag hatten die Anwälte versucht, sich selbst von ihrem Mandat entbinden zu lassen. Das Gericht hatte dies abgelehnt

Zschäpe hatte danach die Entlassung ihres Verteidigers Heer beantragt. Darüber hat das Gericht noch nicht befunden. Eins gilt als sicher: Eine Entlassung der Anwälte könnte den gesamten NSU-Prozess zum Platzen bringen – nach mehr als 220 Verhandlungstagen.

Zschäpe ist unter anderem wegen Beihilfe zu den zehn Morden, die dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) angelastet werden, angeklagt. Sie soll für die beiden NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft jahrelang im Untergrund eine Fassade des normalen Lebens gepflegt haben, damit Böhnhardt und Mundlos ihre Morde verüben konnten. Außer den zehn rechtsextrem motivierten Morden – darunter neun an Migranten und einer an einer Polizistin – sollen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt mindestens zwei Bombenanschläge sowie mehrere Überfälle begangen haben.

Mit Zschäpe sind vier mutmaßliche NSU-Helfer angeklagt. Böhnhardt und Mundlos hatten sich laut den Ermittlungen nach einem missglückten Überfall 2011 das Leben genommen.