Wer den Dalai Lama für esoterisch hält, hat ihm noch nie die Hand gegeben. Wer den Papst für erhaben hält, hat ihn noch nie lachen hören. Kann es sein, dass die beiden etwas verbindet? Wahrscheinlich würde ich mir die Frage nicht stellen, wenn ich nicht durch Reporterglück neulich dem Dalai Lama die Hand geschüttelt hätte. Wobei es bei der Hand nicht geblieben ist – am Ende schüttelte der Mann mich fast einmal komplett durch. Für einen Heiligen packt er einfach erstaunlich herzhaft zu. Und dabei lacht er so unschlagbar ungeniert, so unbesorgt um die Würde seines Amtes und den Faltenwurf seines Umhangs, wie man es weltweit bloß bei einem weiteren Heiligen dieser Tage beobachten kann: Papst Franziskus. Was ist da nur los, dass das Erhabene und das Deftige sich plötzlich so fröhlich mischen? Ist das jetzt ein Trend – und wo führt das noch hin?

Des einen Karma ist jedenfalls des anderen Charisma. Der Dalai Lama feiert am Montag seinen 80. Geburtstag. Im Alter kommen die Leute ihren Wurzeln näher, die Kindheit schlägt wieder stärker durch. Der Dalai Lama war ein Bauernkind, hoch droben in den tibetischen Bergen, lange bevor dort die Chinesen einmarschierten. Papst Franziskus wiederum besuchte vergangene Woche Turin. Die Weltpresse fokussierte sich auf seine Worte vor dem Grabtuch Christi, der Reliquie in der dortigen Kathedrale – während der Papst aus Argentinien in aller Stille rund 30 italienische Verwandte traf. Cortiglione di Robello heißt das Dörfchen 50 Kilometer hinter Turin, aus dem dereinst Bergoglio senior, sein Vater, an das andere Ende der Welt ausgewandert war. Der Dalai Lama von hinter den sieben Bergen und der Papst mit Wurzeln in einem kleinen Dorf im Piemont – die Erdverbundenheit der beiden kommt nicht ganz von ungefähr.

Dabei könnten die Aussichten auf das kommende Jahr kaum unterschiedlicher sein für das Geburtstagskind der Woche und sein christliches Gegenüber, für den Papst aus Rom und den, nunja, Papst aus Tibet: Nach zwei Jahren im Amt und einer noch etwas gemischten Bilanz muss Franziskus jetzt zeigen, ob er Persönlichkeit in Politik übersetzen kann. Der Dalai Lama dagegen, bloß vier Jahre älter, hat spätestens mit dem Friedensnobelpreis im Jahr 1989 allen Zwang zum Müssen und Sollen hinter sich gelassen. Seit er 2011 seine Rolle als politisches Oberhaupt der Exil-Tibeter aufgegeben hat, verströmt er den Eindruck: Was ich tun konnte für mein Volk und meinen Glauben, das habe ich getan. Bleibt vielleicht nur eine Frage: Was hat er für uns getan, die wir in der Mehrzahl weder Tibeter noch Buddhisten sind?

Dass Weisheit sich am wirkungsvollsten mit Witz paart, zu dieser Einsicht verhilft der Welt derzeit Franziskus, der launige Botschafter Gottes auf Erden. Hat sich der Franz des Westens da womöglich etwas abgeschaut bei Franz Östlich, dem Heiligen, den auch Atheisten mögen?

Sagte neulich ein Mann zu einer Gruppe von Kindern: "Wenn du glaubst, du bist zu klein, um etwas zu bewirken, dann hattest du noch nie eine Mücke im Schlafzimmer." Könnte von Franziskus sein. Ist aber vom Dalai Lama.

Natürlich, zunächst mal ist der Buddhist ein Mann der Versenkung, ein spiritueller Perlentaucher, der aus der geistlichen Tiefe seine Schätze an die weltliche Oberfläche holt. Sein Lebenswerk im Westen aber übersteigt am Ende alles, was er im Osten erreichen konnte, wo die Rote Armee Chinas bis heute seine Heimat besetzt hält, Klöster bedrängt und Mönche verfolgt. Der Dalai Lama ist in Hindelang größer als am Hindukusch.

Dass in den kirchenverdrossenen Wohlstandszonen des Westens heute mehr Menschen meditieren als in den Gotttesdienst gehen, dass sie also die Suche nach ihrem Seelenheil nicht aufgeben, auch wenn sie vom Christentum enttäuscht wurden, dazu hat der Dalai Lama mehr beigetragen, als die letzten drei Päpste zusammen.

Als populärer Himmelsbote hat der Buddhist eine Art moderner Volksfrömmigkeit für alle Kapitalismus-Zweifler begründet, die nicht im Konsum allein Trost und Erbauung finden. Wer an Jesus und Maria nicht mehr festhalten mochte im letzten halben Jahrhundert, der fand oft spirituelles Übergangsasyl bei Buddha und Karma. Damit hat der Dalai Lama geholfen, das Beten am Leben zu erhalten, als im Westen kaum mehr einer ans Beten glaubte. Bei allem Spott, den der westliche Mittelstandsbuddhismus bunt gewandeter Sinnsucher über die Jahre auf sich gezogen hat: Gar nicht so wenige Gottesverzagte konnten über den Umweg des anderen Glaubens leichter ihren eigenen wiederfinden, kamen von der Meditation zurück zum Gebet. Wer sich im Osten seiner Seele zuwandte, wachte mit ihr bisweilen im Westen wieder auf.