Dekan Andre Hermany von der Gemeinde St. Otto im bayerischen Cadolzburg mit Kleiderspenden für junge Asylbewerber © Daniel Karmann/dpa

Vergangene Woche brannte in Reichertshofen, nahe Ingolstadt, eine geplante Asylbewerberunterkunft. Was folgte, nannte die Opposition "verbale Brandstiftung". Ministerpräsident Horst Seehofer skizzierte einen Plan, der Abschiebelager für Balkan-Flüchtlinge vorsah. Worte wie "massenhafter Asylmissbrauch" gehörten zum Standardvokabular. In einer Haushaltsdebatte im Landtag warnte der CSU-Chef vor "Leistungskürzungen" für die Normalbevölkerung wegen des teuren Asylsystems. 

Dem Stammtisch mag das gefallen. Aber Seehofers Populismus steht in krassem Gegensatz zur bayerischen Wirklichkeit.

Die sieht beispielsweise so aus: Im Februar stand Elisabeth Ramzews in der Bayernkaserne, der großen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in München, zwischen sechs Paletten Kaffee. Eine private Spende. So etwas hatte Ramzews, die seit 16 Jahren Flüchtlinge berät, noch nie gesehen. "Wir wussten überhaupt nicht wohin mit dem vielen Zeug – außerdem fehlte der Zucker", erzählt sie.

Große und kleine Herzlichkeiten

"Es gibt diese Wellen, da bekommen wir so viele Sachspenden, die können wir fast nicht alle aufnehmen", sagt Klaus Honigschnabel von der Inneren Mission. So kann es vorkommen, dass spendenbereite Münchner Bürger mit ihrem Kleiderkorb von den karitativen Einrichtungen unverrichteter Dinge weggeschickt werden. Und die Hilfsbereitschaft hat viele Gesichter: Münchner Großkonzerne spenden schon mal mehrere Zehntausend Euro. "Eine Schafkopf-Kartenrunde aus dem Westend spielt um einen Cent pro Punkt – den Erlös, zwei Streifenkarten für den Nahverkehr, haben sie für unsere Flüchtlinge gespendet", sagt Honigschnabel. Und die Liste der großen und kleinen Herzlichkeiten ließe sich beliebig fortsetzen.

Während im sächsischen Freital eine Bürgerversammlung zum Überlaufventil für rassistischen Emotionsstau wurde, berichten Menschen aus einem bayerischen Dorf diese Szenen aus der Dorfversammlung: In Gilching, 17.000 Einwohner im Landkreis Starnberg, wohlhabend, konservativ, ländlich, sollen zu den jetzt 60 noch 200 weitere Flüchtlinge hinzukommen. Die Bürger sind empört – weil die Neuankömmlinge nur in Containern untergebracht werden sollen und keine Wohnungen bekommen. Ein Mann versucht es mit rassistischen Kommentaren und wird von der Dorfgemeinschaft aus dem Saal gebuht. Überhaupt engagiert sich das kleine Gilching in einer Art für seine Flüchtlinge, wie man es in Seehofers Bayern kaum für möglich hält. Rund 35 Ehrenamtliche helfen bei Deutschkursen, Rechtsberatung, Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt, Fahrradreparieren, Sport, Musikunterricht und Einkaufen. Arztbesuche werden notfalls aus der privaten Tasche gezahlt. Wie kommt das?

Wie fast überall in Bayern ist die Kirche in den Dörfern fest verwurzelt. Nachfrage beim Pfarrer der Gemeinde, Christoph Lintz: "Ich habe nur die Plattform bereitgestellt. Ich habe einen Appell an meine Gemeinde gerichtet, zu helfen. Aber dafür, dass es gelingt, sind die Menschen selbst zuständig." Als vor zwei Jahren die ersten Flüchtlinge untergebracht werden sollten, bot Lintz eine Doppelhaushälfte an, die der Kirche im Ort gehört. Die Diözese willigte ein. Der Bürgermeister setzte durch, dass auch alle folgenden Flüchtlinge dezentral, also in Wohnungen und Häusern, untergebracht wurden. "Für uns gilt das Prinzip der vielen Schultern, damit jeder etwas hilft, wo er kann", sagt Lintz. Wenn die Gemeinschaft funktioniere, dringe die Hilfsbereitschaft in die "Kapillare der Gesellschaft".

"Hier hat doch fast jeder selbst einen Flüchtlingshintergrund"

Einer dieser Menschen, die mit Herzblut dafür sorgen, dass die Flüchtlinge hier gut ankommen, ist Eva Ott. Wenn neue Flüchtlinge einziehen und sie mal vergessen hat, einen Willkommenskorb mit Tee, Süßigkeiten und Blumen hinzustellen, fühlt sie sich schlecht. Als an Weihnachten ein Haus ihrer "Asylis" ohne Heizung bibberte und der Hausmeister mit Kellerschlüssel im Urlaub war, brach sie kurzerhand das Schloss auf und rief einen Klempner. Auch das ist bayerisches Verständnis von Politik.

Jürgen Dierdorf ist Geschäftsmann, Rheinländer und als Berater international unterwegs. Und wie ein Geschäftsmann analysiert er die Dinge: "Wir müssen den Abfluss der Flüchtlinge in die Gesellschaft hinein schaffen und eine Ghettoisierung verhindern." Von A nach B, vom Asyl zur Beschäftigung, will er sie bringen. Sein Ansatz: Was braucht der Arbeitsmarkt? Seit sechs Monaten versucht er im Gilchinger Helferkreis, Flüchtlinge dafür fit zu machen. Er telefoniert mit der Elektro-Innung, der Industrie- und Handelskammer und dem Ministerium. Wie ein Staatssekretär, nur ohne Amtszimmer und Fahrbereitschaft.

Gilching ist dabei längst kein Einzelfall: Viele bayerische Gemeinden haben Flüchtlinge mustergültig integriert. Aber warum ist das Engagement aus der Zivilgesellschaft ausgerechnet hier so stark? Eine Erklärung von vielen: "Hier hat doch fast jeder selbst einen Flüchtlingshintergrund", sagt Ott und meint die vielen Vertriebenen, die nach dem Krieg auf Bauernhöfen einquartiert wurden.

"Ich weiß aus vielen Gesprächen mit Heimatvertriebenen, dass sie solche Vergleiche nicht gern hören", sagte Horst Seehofer kürzlich. Hier gehe es schließlich um "massenhaften Asylmissbrauch".

Populismus und das Volk haben sich in Gilching und Bayern weit voneinander entfernt.

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