Zahlreiche Hinterbliebene der Germanwings-Katastrophe in den französischen Alpen lehnen das Schmerzensgeld-Angebot der Deutschen Lufthansa ab. Eine Entschädigungszahlung mit pauschal 25.000 Euro sei zu niedrig, teilte der Rechtsanwalt Elmar Giemulla mit. Diese Offerte habe die Hinterbliebenen zornig gemacht, sagte Giemulla. "Die Empörung ist sehr groß. Wir erwarten jetzt ein neues Angebot." Er forderte mindestens 100.000 Euro für jedes Opfer.

Giemulla vertritt nach eigenen Angaben 36 Familien. Das Angebot der Lufthansa, nächsten Angehörigen wie Eltern, Kindern oder Lebenspartnern ohne weitere Prüfung jeweils ein Schmerzensgeld von 10.000 Euro für "unterstellte eigene Gesundheitsschäden" zu zahlen, bezeichnete der Anwalt als unangemessen. Der Betrag müsse im unteren sechsstelligen Bereich liegen, schrieb er in einem Brief an die Gegenseite. "Zu niedrige Zahlungen können, gerade wenn sie freiwillig erfolgen, als Ignoranz und damit als Verletzung empfunden werden."

Den von der Lufthansa definierten Kreis der Anspruchsberechtigten lehnt Giemulla als "eindeutig zu eng definiert" ab. Er fordert, auch Großeltern, Geschwister sowie Enkel einzubeziehen. Der Lufthansa-Vorschlag sei "kein Angebot, mit dem Verhandlungen eröffnet werden könnten", heißt es am Ende des Briefes. In der Bild am Sonntag sprach der Berliner Anwalt sogar davon, dass die Hinterbliebenen eine Entschädigung von 200.000 Euro verlangten.

In dem siebenseitigen Brief an die Lufthansa schildert Giemulla die minutenlange Todesangst der Passagiere, bevor Copilot Andreas L. den Airbus den Ermittlungen zufolge absichtlich in den Alpen abstürzen ließ. Spätestens mit den "ersten erfolglosen Zutrittsversuchen des Kapitäns ins Cockpit in Verbindung mit dem beständigen überdeutlichen Sinkflug muss allen Passagieren klar geworden sein, dass sie sich in einer ausweglosen Situation befanden, die sie Sekunde für Sekunde ihrem unausweichlichen Tod näherbrachte – und dies mindestens lange sechseinhalb Minuten".

Wie viel kostet der Schmerz?

Schwierig sei unter anderem die Frage, wie das Schmerzensgeld der Angehörigen in einem Fall wie der Germanwings-Katastrophe berechnet werden könne. Dazu heißt es in dem Brief Giemullas: "Eine Antwort kann jedoch sicher gegeben werden: Nicht mit 25.000 Euro! Es wird Sie nicht verwundern, dass meine Mandanten mich gebeten haben, dieses Angebot als unangemessen abzulehnen." Der Deutschen Presse-Agentur sagte Giemulla: "So niedrig habe ich es in meiner Zeit als Anwalt bislang noch nie erlebt."

Die Lufthansa teilte mit, man kommentiere anwaltliche Korrespondenz nicht. Deutschlands größte Fluggesellschaft hatte unmittelbar nach dem Unglück eine Soforthilfe von 50.000 Euro pro Opfer an die Angehörigen gezahlt.

Der Anwalt Christof Wellens, der nach eigenen Angaben 15 Opferfamilien mit mehr als 60 Angehörigen zivilrechtlich vertritt, sagte Ende Juni über das Lufthansa-Angebot: "Ich kann mir kaum vorstellen, dass auch nur eine Opferfamilie das annimmt." Die Lufthansa versuche, sich der Verantwortung zu entziehen.

Bei dem Absturz der Germanwings-Maschine am 24. März in den französischen Alpen waren alle 150 Menschen an Bord ums Leben gekommen, darunter viele Deutsche. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft hatte der deutsche Copilot seinen Kollegen aus dem Cockpit ausgesperrt und die Maschine absichtlich zum Absturz gebracht. Der 27-Jährige habe psychische Probleme und Suizidgedanken gehabt, die er vor seinem Arbeitgeber verheimlicht habe.