Können wir unser Leben genießen, wenn so viel Leid in der Welt ist und wenn es immer schwerer ist, diesem Leid aus dem Weg zu gehen? Längst sind es nicht mehr Reisen in andere Länder, die uns mit Not und Armut konfrontieren. Menschen kommen hierher, und das in großen Zahlen, weil sie vor Krieg und Gewalt fliehen, weil sie angesichts der Not in ihrem eigenen Land nichts mehr zu verlieren haben und selbst die größten Gefahren nicht scheuen, um dieser Not zu entfliehen.

Man kann schon den Mut verlieren, wenn die Gewalt an so vielen Orten in der Welt zu triumphieren scheint. Der Glaube an das Gute im Menschen kann ins Wanken geraten, wenn wir Bilder von brutalen Mordaktionen sehen oder uns diesen Bildern bewusst nicht aussetzen, um der Propaganda nicht noch einen Triumph zu gönnen. Und wenn es dann auch noch die Religion ist, auf die sich die Mörder berufen, wenn Christen aufgrund ihres Glaubens umgebracht werden, oder Muslime, die nicht eine bestimmte Interpretation des Koran teilen, dann mag sogar das Gottvertrauen ins Wanken geraten. Wie kann Gott solch schreckliche Dinge zulassen? Ist er überhaupt da? Oder am Ende eine Illusion?

Können wir in einer solchen Situation noch Gott danken? "Ich danke Gott und freue mich" – der Satz stammt von dem Dichter Matthias Claudius, dessen 200. Todestag wir dieses Jahr begehen. Claudius lebte in unruhigen Zeiten. Als er 1815 verstarb, war der Glanz Napoleons vorbei und die Schlacht bei Waterloo geschlagen, der Wiener Kongress ordnete Europa neu. Zugleich hatte der Siegeszug der Dampfmaschine begonnen, die Industrialisierung eroberte immer weitere Räume des Lebens. Es ist kein Wunder, dass Matthias Claudius als "Poet zwischen zwei Epochen" gilt. Kann uns so ein ferner Mensch heute noch etwas zu sagen haben? "Ich danke Gott und freue mich / Wie's Kind zur Weihnachtsgabe, / Daß ich bin, bin! Und daß ich dich, / Schön menschlich Antlitz! Habe." Claudius lebte mit seiner Familie immer am Rande der Armut. Und trotzdem strahlte er Dankbarkeit aus. "Denn Ehr und Reichtum treibt und bläht, / Hat mancherlei Gefahren, / Und vielen hat's das Herz verdreht, / Die weiland wacker waren."

Mancher von uns hat vielleicht auch schon auf sich selbst geschaut und sich bange gefragt: Passiert das jetzt bei mir auch, dass Macht korrumpiert und Reichtum mir das Herz verdreht? Die Unbefangenheit der dankbaren Freude über das Dasein, die hinter den Worten von Claudius steht, hat etwas Anziehendes, egal, welche gesellschaftliche Stellung wir einnehmen oder wie reich wir sind. Sie lässt uns ahnen, dass sich dahinter eine der größten gesellschaftlichen Ressourcen verbirgt, die wir haben.

Doch warum spüren wir manchmal so wenig Dankbarkeit in Deutschland, das nicht nur zu den wohlhabendsten Ländern der Erde gehört, sondern hat, wonach sich viele Menschen auf dieser Erde sehnen: soziale Sicherheit, eine trotz aller ökologischen Herausforderungen vergleichsweise intakte natürliche Umwelt, und vor allem die Herrschaft des Rechts.

"Ich danke Gott und freue mich" – die Frömmigkeit, die hinter diesem Satz steht, gilt heute als altmodisch. Doch ich sage: Frömmigkeit ist gerade heute ein Zukunftsmodell. Damit ist eine innere Haltung gemeint, die Gott mehr zutraut als sich selbst, die weiß, dass alle Selbstoptimierung ihre heilsame Grenze findet im Vertrauen auf Gott. Fromm sein hat mit Weisheit zu tun, mit Gelassenheit und Liebe. Auch unsere moderne Welt braucht Menschen, die von der Güte Gottes wissen und aus der Dankbarkeit leben.