Auf dem Wagen tanzt eine Drag-Queen in pink, mit einem Fächer vertreibt sie die Kölner Sommerhitze. Davor laufen Männer in dunkelblauen T-Shirts, einer schwenkt eine Fahne. So weit, so normal auf dem Christopher Street Day. Doch dies ist kein Truck wie die anderen: Es ist ein kleiner Wohnwagen. Auf den T-Shirts der Männer und Frauen davor steht Queer Roma. Hinter dem Mann mit der bunten Roma-Flagge hält jemand ein Plakat hoch, darauf steht nur ein Wort: Liebe.

Durch das Leben von Gianni Jovanovic, 37, zieht sich noch ein anderes Wort, eines, das mal einen gleichgültigen, mal einen hasserfüllten Klang hatte: Zigeuner. Er bekam es als Kind in Rüsselsheim zu hören und später in Darmstadt. Heute spielt Jovanovic souverän mit den Klischees. Doch für ihn war es viele Jahre ein doppeltes Versteckspiel: Einerseits hielt er vor Fremden lieber geheim, dass er zu der Minderheit der Roma gehört. Und andererseits wusste in seiner Roma-Community niemand, dass er schwul ist. Nicht seine Eltern, nicht einmal seine Frau.

"Das Coming-out war für mich der schlimmste, aber auch der wichtigste Schritt in meinem Leben", sagt Jovanovic.

Vor ein paar Monaten hat Jovanovic damit begonnen, seine Lebensgeschichte öffentlich zu machen, unter anderem mit YouTube-Videos. "Ich erzähle jedem davon, der es hören will, und jedem, der es nicht hören will", sagt er. Schließlich gebe es außer ihm kaum Roma, die in der Öffentlichkeit stehen, geschweige denn Roma, die von ihrer Homosexualität berichteten. Er wolle denen eine Stimme geben, die aus Angst vor doppelter Diskriminierung schweigen. Im Frühjahr hat er deshalb "Queer Roma" gegründet.

Seine Familie sei sehr konservativ gewesen, sagt Jovanovic. Noch als Kind, mit 14 Jahren, wurde er mit einem jungen Roma-Mädchen verheiratet. Für ihn sei das damals "in Ordnung" gewesen. Als er 16 Jahre alt war, bekamen er und seine Frau ihr erstes Kind, anderthalb Jahre später das Zweite. Mit 18 sei ihm schließlich bewusst geworden, dass er eigentlich Männer liebe. 

Es dauerte noch sechs Jahre bis zum Coming-out

Trotzdem dauerte es sechs Jahre, bis er sich outete. "Ich bin ein Familienmensch", sagt Jovanovic. "Ich hatte eine große Verantwortung gegenüber meinen Kindern und meiner Frau – ich wollte sie nicht im Stich lassen." Der junge Mann hatte Angst, die Unterstützung seiner Eltern und seinen Ausbildungsplatz aufs Spiel zu setzen, den Job, der doch die Familie ernähren musste.

Für seine Familie sei der Tabubruch "eine Tragödie" gewesen, sagt er. Doch inzwischen akzeptierten sie sein Leben, auch die Mutter seiner Kinder sei für ihn nach wie vor "Teil seiner Familie", sagt er. "Zu meinen Kindern und Enkelkindern habe ich ein sehr gutes Verhältnis." Der 37-Jährige ist zweifacher Großvater.