Dank der UN-Behindertenrechtskonvention (BRK), die 2009 von der Bundesrepublik ratifiziert wurde, ist das Konzept der Inklusion in aller Munde. Das ist erfreulich, weil es ganz im Sinne der Konvention das Bewusstsein für Menschen mit Behinderungen schärft; andererseits wimmelt es in manchen Debattenbeiträgen vor Unklarheiten und Missverständnissen. In dem Essay, den Felix Ekardt auf ZEIT ONLINE veröffentlicht hat, schreibt der Autor, dass "vollständige Inklusion" eine Utopie sei, weil sie auf eine "weitgehende Aufhebung von Unterschieden" hinauslaufe. Sein Argument: Keine noch so beherzte Inklusionsforderung verschaffe einem Menschen mit Trisomie 21 gleiche Chancen, Professor zu werden.

Ekardt erliegt hier einem Missverständnis, dem man immer wieder begegnet. Zweck der BRK ist es, allen Menschen mit Behinderung Menschenrechte und Grundfreiheiten zu gewährleisten. Unter anderem verpflichten sich die Vertragsstaaten deshalb, die Barrierefreiheit des öffentlichen Raums zu gewährleisten und Unterstützungsdienste in der Nähe bereitzustellen. Behinderte dürfen der Konvention zufolge auch nicht gezwungen werden, in einer bestimmten Wohnform zu leben, sie dürfen nicht vom regulären Bildungssystem ausgeschlossen werden und müssen ihre Beschäftigung auf einem "zugänglichen Arbeitsmarkt" frei wählen können.

Konzeptionell folgt die BRK damit der Salamanca-Erklärung der UNESCO von 1994. Darin wurde das "Prinzip der inklusiven Schule" formuliert. Es plädiert für ein Schulsystem, in dem alle Kinder miteinander lernen und das seine Einrichtungen und Lehrmethoden an den verschiedenen Bedürfnissen der Schüler ausrichtet. Es geht also schon darum, Behinderte voll in die Gesellschaft einzubeziehen. Aber es ist nicht die Rede davon, dass alle die gleiche Chance haben sollen, Professoren zu werden.


Akademiker mit Trisomie 21

Allerdings gibt es inzwischen drei bekannte Akademiker mit Trisomie 21, ein Umstand, der lange als völlig undenkbar galt. Aya Iwamoto studierte Englische Literatur und übersetzt heute Bücher aus dem Japanischen; der Spanier Pablo Pineda ist Psychologe, Lehrer und nebenberuflich Schauspieler. Francesco Aglio arbeitet als Ökonom im italienischen Cremona. Von Iwamoto und Pineda ist bekannt, dass sie eine Regelschule besuchten und individuell gefördert wurden. Im Interview mit der österreichischen Presse widersprach Pineda der Auffassung, dass Sonderschulen geeigneter für behinderte Menschen seien. "All die Erfahrungen, die ich in meiner Kindheit und Jugend machen durfte, habe ich nur der öffentlichen Schule zu verdanken. Durch das integrative Modell verändert und entwickelt man sich einfach mehr und besser."

Die Lebenswege der drei mögen noch als seltene Ausnahmen gelten, aber sie beweisen, dass Veränderungen möglich sind. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass das – individuell verschiedene – Optimum in der Ausbildung von Menschen mit Trisomie 21 oder mit anderen Behinderungen bereits erreicht sei. Gleiches gilt übrigens auch für Arbeiterkinder, deren mangelnde Aufstiegschancen Ekardt auf Sozialisations- und angeborene Begabungsunterschiede zurückführen möchte. Der Soziologe Pierre Bourdieu, auf den Ekardt sich beruft, nannte den Glauben an die natürliche Intelligenz der Mittel- und Oberschicht eine "Soziodizee der herrschenden Klasse".

Deutschland liegt bei der Umsetzung der Behindertenrechtskonvention im Rückstand, wie ein aktueller UNO-Bericht verdeutlicht. Der zuständige Fachausschuss zeigt sich "tief besorgt" darüber, dass Menschen unfreiwillig in Institutionen untergebracht werden und dass behinderte Flüchtlinge von einigen Sozial- und Gesundheitsleistungen ausgeschlossen sind. Der Arbeitsmarkt ist laut dem Bericht stark segregiert, nicht zuletzt deshalb, weil die Behindertenwerkstätten ihre Klientel nicht auf andere Beschäftigungsverhältnisse vorbereiten.

Ein häufiges, auch von Ekardt vorgebrachtes Argument lautet, dass im Kapitalismus konsequente Inklusion nicht möglich sei. Aber "den" Kapitalismus gibt es in verschiedenen Varianten, und wo er den Menschenrechten tatsächlich widerspricht, sind Gegenmaßnahmen nötig. Der EU-Menschenrechtskommissar Nils Muižnieks konstatierte 2013, dass die europäische Austeritätspolitik die Menschenrechte untergrabe, wovon auch behinderte Bürger betroffen sind. Vor diesem Hintergrund ist die von Ekardt aufgeworfene Frage, ob taube Menschen vielleicht nicht behindert seien, sondern in einer "anderen Welt" leben, eher irreführend.

Reden wir lieber über das Gehörlosengeld, das diese Menschen für Dolmetscher benötigen und das in einigen Bundesländern gar nicht, in anderen nicht in ausreichender Höhe gewährt wird. Verändern wir nicht nur die Diskurse um Inklusion, sondern auch und vor allem die Lebensbedingungen behinderter Menschen. Und das möglichst bald, nicht erst nach dem Ende des Kapitalismus.