Der IS-Rückkehrer Ebrahim B. hat in einem Interview mit NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung über seine Zeit beim "Islamischen Staat" gesprochen. Er ist der erste Rückkehrer, der öffentlich vor einer Kamera gegen den IS ausgesagt hat. Von Anfang Juni bis Ende August 2014 war der 26-Jährige drei Monate in Syrien, dann floh er und kehrte nach Deutschland zurück. Im Herbst wurde er festgenommen, im August soll vor dem Oberlandesgericht Celle sein Prozess beginnen.

"Ich habe das Bedürfnis, vieles zu erklären, für Leute die vielleicht gerade vor einer Situation sind, wo ich damals stand", sagte Ebrahim B. Die Situation, die er meint: Eine schwierige Schulzeit, kleinere Vorstrafen, eine geplatzte Hochzeit, Orientierungslosigkeit. "Würde ich von einer Rocker-Bande aufgenommen in Jamaika oder in Amerika von Hells Angels oder so was, wäre ich mitgegangen. Ich bin gestolpert und wurde von den falschen Händen aufgenommen."

Ebrahim B. und einige seiner Freunde gerieten in der Wolfsburger Ditib-Moschee an Yassin Oussaifi, einen Mann, der inzwischen beim IS eine hohe Stellung als Scharia-Richter haben soll. Oussaifi versammelte einige junge Leute um sich. "Man wird verarscht", sagte Ebrahim B. Sie erklärten einem, "dass man vier Frauen heiraten dürfe, dass man dort ein teures Auto fahren könne". Außerdem machte Oussaifi den jungen Männern ein schlechtes Gewissen: "Wie kannst du in Ruhe schlafen, wo junge Muslime gerade verhungern oder Frauen vergewaltigt werden?" Oder: "Wenn du in Europa stirbst, wirst du in der Hölle landen." 

Am 28. Mai 2014 flog Ebrahim B. mit seinem Freund Ayoub B. von Hannover aus in die Türkei. An der Grenze zu Syrien habe es keine Probleme gegeben. Dann war er Teil des IS.

Ebrahim gerät unter Spionageverdacht

Die Rekruten seien in einem Auffanglager im syrischen Jarabulus einzeln ins Büro gerufen worden, sie mussten Pass und Handy abgeben. Die Anordnung lautete: Alle Ungläubigen müssten "geschlachtet" werden. Doch auch einige von den Rekruten seien getötet worden. Der IS habe inzwischen sehr große Angst vor Spionen und Verrätern. Er selbst sei unter Verdacht geraten. Der Grund: Ebrahim B. war – oder ist, so genau wisse er das nicht – SPD-Mitglied. Man habe ihn verdächtigt, "an Demokratie zu glauben". Er sei in eine Zelle gekommen, habe eine Hinrichtung mitanhören müssen und später sei die enthauptete Leiche zu ihm in die Zelle gebracht worden. 

Dass Oussaifi für ihn gebürgt habe, habe ihn gerettet. Nach der Prüfung musste er sich entscheiden: entweder Kämpfer oder Selbstmordattentäter. "Kurz gesagt, du bist entweder tot oder tot."

Laut Anklage habe sich Ebrahim B. entschieden, Selbstmordattentäter zu werden, schreibt die Süddeutsche. 50 Mann hätten sich von Syrien aus auf den Weg in den Irak gemacht, darunter Ebrahim B. und ein Wolfsburger Freund, der es "offenbar gar nicht erwarten konnte zu sterben".

Ob er selbst gekämpft habe, will Ebrahim B. nicht sagen. "Das würde ich gern in der Hauptverhandlung beantworten", sagt er.    

Zum Abschluss des Gesprächs fragen die Reporter ihn, was er denen sagen wolle, die sich auf die Reise nach Syrien machen wollen. "Frag dich einfach: Warum geht dein Vater da nicht hin? Oder denkst du vielleicht, du bist mehr Moslem als dein Vater?" Und zu Eltern, die mitbekämen, dass ihr Sohn oder ihre Tochter in "so einer Szene" ausrutsche: "Nehmt euch viel Zeit für ihn, zeigt ihm, dass ihr die wahre Familie seid."

Vor Gericht muss sich Ebrahim B. wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verantworten. Bisher sind etwa 260 Menschen aus Syrien oder dem Irak wieder zurück nach Deutschland gekommen. Viele sind unter Beobachtung oder sitzen im Gefängnis, einige gelten noch immer als gefährlich und radikal, andere als gebrochen und desillusioniert.