Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne finden Sie hier – und auf seiner Website.

Am 19. Oktober spricht Bundesrichter Thomas Fischer im Berliner "Radialsystem" mit Sabine Rückert (stellv. Chefredakteurin, DIE ZEIT) und Jochen Wegner (Chefredakteur, ZEIT ONLINE) über das Strafrecht. Kartenvorverkauf: http://zeit.to/fischer-event

Vor einigen Tagen berichtete das öffentlich-rechtliche Fernsehen – wie üblich atemlos und ohne erkennbares Ziel – wieder einmal über das "NSU-Verfahren" ­– in der Terminologie der Redaktion: den Prozess gegen das "Mord-Trio". Die Regie blendete die Porträts dreier Menschen ein, die "dem Mord-Trio angehörten": Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos, Beate Zschäpe. Wer die Mörder sind, steht also schon fest. 

Das Trio als solches beschäftigt uns seit der Genesis (Schöpfungsgeschichte). Aus der Fülle berühmter Trios seien genannt: Adam-Eva-Schlange; Maier-Beckenbauer-Müller; Brandt-Wehner-Schmidt; Baader-Meinhof-Ensslin; Caesar-Pompeius-Crassus; Kluge-Witzleben-Rommel; Ludendorff-Hindenburg-Hitler; Clapton-Bruce-Baker. Bevor Sie sich jetzt erregen: Es geht nicht um "Gleichstellungen" oder Moral, sondern nur um das Trio an sich, als Form. In der Reduktionsform der Neuen Deutschen Welle: "Trio" als der Name des Trios: Da, Da, Da.

Trio und Bande

Das Trio liegt dem Bundesgerichtshof (BGH) am Herzen. Im Strafgesetz  sind "bandenmäßig" begangene Taten vielfach mit erhöhter Strafe bedroht. Allerdings sagt das Gesetz nicht, was eine "Bande" ist: Das müssen sich der Bürger und der Gesetzesanwender selbst überlegen. Der BGH meint seit März 2001, eine Bande bestehe aus mindestens drei Personen. Diese Entscheidung des Großen Senats für Strafsachen war das Ende der "Zweierbande", einer etwas albernen Erfindung der Rechtsprechung, die ein paar Jahrzehnte lang als Inbegriff der Weisheit galt. Oder hätten Sie gedacht, dass ein Ehepaar, das gemeinsam Diebstähle begeht, eine dem Bereich der "Organisierten Schwerkriminalität" zuzuordnende Bande sei? Der BGH dachte das 30 Jahre lang, und jeder, der das Gegenteil sagte, war eine "Mindermeinung" (und durfte froh sein, in einer Fußnote vorzukommen), in Wirklichkeit aber natürlich eine Art Querulant (sprich: Wir werden doch wohl nicht umsonst die herrschende Meinung sein).

Wie auch immer: Eine Bande setzt seit 2001 voraus, dass sich mindestens drei Personen zwecks Begehung zukünftiger Straftaten zusammentun. Warum? Weil ab der Zahl 3 eine Person, die "aussteigen" will, immer in der (absoluten) Minderheit ist und es deshalb deutlich schwerer hat als bei Bonnie & Clyde, Sacco & Vanzetti; Schweini & Poldi; Goethe & Schiller; Marx & Engels. Die Änderung der Rechtsprechung hat natürlich nicht dazu geführt, dass die zuvor wegen "Zweierbanden" Verurteilten früher entlassen worden wären. Denn solch eine Änderung der Rechtsprechung wirkt immer nur in die Zukunft. Wer zu früh abgeurteilt wurde, den bestrafte das Leben.

Ein anderer Grund ist, dass ein Trio für uns noch recht überschaubar ist: eine Mehrheit von Individuen, die sich zu einem Ganzen verbinden, ohne sich aufzulösen. Wir reden gerne vom "Bankräubertrio", selten vom "Schmuggleroktett". Bis die Heimatpresse unter "Vermischtes" über ein "Sextett" von Straftätern berichtet, muss es sich schon um etwas Besonderes handeln: sechs Brüder vielleicht, oder sechs beinamputierte Rentnerinnen, oder sechs Sinti mit lustigen Namen.

Man kann es auch anders sehen: Wir kennen "Vierer-Banden", etwa bei den fernöstlichen Freunden des lauten Wortes und der schlechten Manieren. Auch die Sieben hat eine gewisse Tradition, sowohl in Japan (Sieben Samurai) als auch im Remake (Sieben Söhne der Katie Elder). Jenseits von zehn wird es aber unübersichtlich. Zwar mag "die wilde Dreizehn" noch als Bande durchgehen, die zwölf Apostel sind hingegen ungeeignet. Erst recht der "Nationalkader": Von Herberger über Derwall bis Neid gelang es nicht, ihm eine dauerhafte Personenzahl zuzuordnen.

© ZEIT ONLINE

Man könnte auch, kriminologisch betrachtet, die Bande statt "von unten" "von oben" her definieren: Bande als hierarchisch strukturierte Herrschaft zur Durchsetzung rechtlich fragwürdiger Ziele. Nehmen wir also etwa Pablo Escobar oder andere berühmte Namen: Berlusconi, Pinochet, Schinderhannes. Das hat eine gewisse Plausibilität, reicht für die Ansprüche der Bandenwissenschaft aber nicht aus.

Der Begriff der Bande ist also dehnbar, nicht aber unendlich. Er verliert an Überzeugungskraft, wenn man ihn in allzu großem Maßstab anwendet: Auf sämtliche "Freiheitskämpfer" in der Ostukraine etwa, auf alle Tibeter oder alle Luxemburger. Oder auf die deutsche Wehrmacht.

Hingegen würde ich bei der "Sturmabteilung" (SA) schon stark zur "Bande" tendieren wollen. Auch die "Organisation Gehlen" kommt mir eher wie eine Bande vor denn als Zusammenschluss technikbegeisterter Buben. Und damit sind die Operation Rusty und der Bundesnachrichtendienst (BND) in eine überschaubare Nähe gerückt. Für den BND und seine Vorläufer arbeiteten Klaus Barbie (Gestapo-Chef in Lyon), Alois Brunner (enger Eichmann-Mitarbeiter), Franz Rademacher (Leiter des Judenreferats des Auswärtigen Amts), Walter Rauf (Erfinder des mobilen Vergasungswagens) und viele Hundert andere bewährte Bandenmitglieder. Trotzdem – oder gerade deshalb – bleibt einem der Bandenbegriff hier ein wenig im Hals stecken. Im 2. Deutschen Bundestag saßen 26 Prozent ehemalige NSDAP-Angehörige. Vor solchen Fakten versiegt die Kraft der Sprache.