Die Bundesregierung hat ihre Angaben zu den Todesopfern rechtsradikaler Gewalttaten in Deutschland überprüft und nach oben korrigiert: Demnach wurden seit 1990 insgesamt 75 Menschen bei 69 Mordanschlägen durch Rechtsradikale getötet. Das geht aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Anfrage der Grünen hervor. Hintergrund der Neuzählung ist die Mordserie der rechtsextremen Terrorgruppe NSU, deren wahrer Hintergrund jahrelang unentdeckt geblieben war. In der Folge wurden frühere Fälle noch einmal auf einen rechtsextremen Hintergrund hin geprüft.

Hunderte Fälle wurden untersucht – und 15 weitere Morde wurden gefunden, die auf einen rechtsextremen Hintergrund schließen ließen. Das Bundeskriminalamt (BKA) hatte die alten Fälle in Zusammenarbeit mit den meisten Landeskriminalämtern überprüft. Zu den 15 alten Fälle kamen zwei neuere, sodass die offizielle Statistik jetzt 17 zusätzliche Todesopfer rechtsextremer Gewalt enthält.

Trotz der Korrektur bezweifeln insbesondere die Grünen die neuen Zahlen. Sie halten die zugrunde liegende Methode für fraglich und verweisen auf das Vorgehen des Landes Brandenburg. Dort wurden allein neun der zusätzlich als rechtsradikal gewerteten Morde registriert. Anders als die anderen Länder hatte Brandenburg auch die Zivilgesellschaft und Opferverbände in die Überprüfung der Fälle einbezogen.

Die Grünen kritisierten nun, dass das BKA dies nicht tut. "Der Bund hat die durch ihn koordinierte Altfallprüfung sehenden Auges an die Wand gefahren", sagte die Bundestagsabgeordnete Monika Lazar der Süddeutschen Zeitung. Sie monierte die Einengung der Überprüfung auf einen rechtsextremistischen oder rechtsterroristischen Hintergrund. Durch eine solche Definition würden Täter ausgeschlossen, die zwar aus rassistischer oder rechtsradikaler Gesinnung Gewalttaten begingen, nicht aber die Abschaffung der Verfassung zum Ziel hatten.

Lob für das Vorgehen Brandenburgs äußerte derSPD-Vize Thorsten Schäfer-Gümbel. Die Entdeckung bislang verborgener rechtsextremistischer Mordtaten sei "das Ergebnis davon, dass man sehr genau hingeschaut hat", sagte er. Dass die rot-rote Landesregierung in Potsdam auch den Blick von außen einbezogen habe, sei beispielgebend. Schäfer-Gümbel schloss weitere Überprüfungen nicht aus.

Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums äußerte sich dagegen zurückhaltend. In Brandenburg seien andere Kriterien als bei der ursprünglichen Erfassung angewandt worden. Dieses Vorgehen müsse sicher "sehr sorgfältig" ausgewertet werden.

ZEIT ONLINE hat 2014 eine eigene Erhebung durchgeführt. Klicken Sie auf die Karte, um auf die Vollansicht zu gelangen.

Auch ZEIT ONLINE hatte gemeinsam mit der ZEIT und dem Tagesspiegel 2014 eigene Daten erhoben, ähnlich der Methode, die das Land Brandenburg nun angewandt hat. Für die Recherche wurden Opferberatungsstellen und Hinterbliebene interviewt, Anwälte und Strafverfolger. Um die Motivation der Täter herauszufinden, wurden Hunderte Lokalzeitungsartikel und Gerichtsurteile, manchmal mehrere Hundert Seiten dick, gesichtet und ausgewertet.

Schon damals fiel das Ergebnis weit höher aus als von der Bundesregierung offiziell bestätigt: Zwischen 1990 und Ende Juni 2014 wurden mindestens 152 Menschen durch Angriffe rechter Täter getötet. Die Daten sind weiterhin offen einsehbar. Mit der Veröffentlichung dieser Liste soll versucht werden, den vielen kaum bekannten Opfern ein Gesicht zu geben.