Es gibt kaum noch einen Morgen, an dem die Nachrichtenagenturen keine mutmaßlich rechtsextreme Gewalttat melden. Am gestrigen Montag war es das Auto eines Lokalpolitikers der Linkspartei aus dem sächsischen Freital, das bei einem Anschlag zerstört wurde – der Mann hatte sich zuvor öffentlich für Flüchtlinge eingesetzt. Vorgestern Brandenburg an der Havel: Vor der Wohnungstür einer Familie aus dem Kaukasus war eine mit Brandbeschleuniger getränkte Zeitung angezündet worden. Davor hießen die Tatorte Greiz (Thüringen) und Dresden, davor Reichertshofen in Bayern. Und so weiter und so fort.

Allein im ersten Halbjahr hat das Bundesinnenministerium 202 rassistische Übergriffe gezählt. Das sind bereits so viele wie im ganzen Jahr 2014 und das Dreifache dessen, was 2013 registriert wurde. Politik und Öffentlichkeit wirken ebenso erschrocken wie ratlos: Ist das eine neue Qualität rechtsextremer Gewalt? Wird das jetzt die neue Normalität? Und was sind die Ursachen für den Anstieg?

Nein, die Gewaltwelle ist keine neue Qualität, muss man leider konstatieren, sondern die Rückkehr zu alten Zuständen, nämlich zu jenen, wie sie Anfang der 1990er Jahre herrschten. Auch damals gab es fast täglich Übergriffe auf Asylbewerberheime. Un­gewöhnlich waren eher die vergangenen anderthalb Jahrzehnte, als Rechtsextreme zivilgesellschaftliche Protestformen zu kopieren suchten (in Form von Initiativen mit Titeln wie "Nein zum Heim") oder – siehe NPD – sich auf den parlamentarischen Weg konzentrierten.

Ab Ende der neunziger Jahre hatte die extreme Rechte auf die größeren Wahlchancen in Ostdeutschland mit einer, wie es der Soziologe Andreas Klärner einmal nannte, "taktischen Zivilisierung" reagiert: Um gesellschaftliche Stigmatisierung zu vermindern und wirksamer die Ausgrenzungsstrategie der Demokraten zu unterlaufen, hielten sich ihre Anhänger mit Gewalttaten eher zurück. Das ist offensichtlich vorbei.

Viele Rechtsextreme wenden sich von der NPD ab und der Gewalt zu

Es dürfte kaum Zufall sein, dass der Anstieg der Gewalt mit dem Niedergang der NPD zusammenfällt. Die Partei sitzt nur noch in einem einzigen Landtag (Mecklenburg-Vorpommern) – in ihrer langjährigen Hochburg Sachsen verpasste sie im vergangenen Jahr den Wiedereinzug. Die Kassen sind leer, auch wegen des langwierigen Verbotsverfahrens vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Die AfD saugt der NPD einen Gutteil ihrer Wähler ab, zuletzt reichte es in Bremen für gerade einmal 0,2 Prozent. In der Szene macht sich die Einsicht breit, der legale Weg über die Parlamente bringe doch nichts. So laufen der NPD die Mitglieder davon – zu noch radikaleren Parteien wie Die Rechte oder Der Dritte Weg oder gleich zu militanten Neonazi-Kameradschaften.