Es ist der schwerste Anschlag in der Türkei seit mehr als zwei Jahren und möglicherweise der erste, der von der Terrormiliz "Islamischer Staat" auf türkischem Boden verübt wurde: In Suruç an der Grenze zu Syrien detonierte am Morgen eine Bombe, mindestens 30 Menschen wurden getötet. Die Regierung befürchte, dass die Zahl der Toten noch steigen werde, sagte der türkische Innenminister Efkan Âlâ. Bei der gewaltigen Explosion im Garten eines Kulturzentrums in der Innenstadt seien bis zu 100 Menschen verletzt worden, berichtet die englische Ausgabe der türkischen Tageszeitung Hürriyet online.

Das türkische Fernsehen zeigte ein Amateurvideo von dem Anschlag, auf dem eine Gruppe junger Menschen hinter einem Transparent zu sehen war, als die Bombe explodierte. Auch andere Medien berichteten von Opfern, auf Twitter war zunächst von bis zu 50 Toten die Rede. Zunächst bekannte sich niemand zu dem Anschlag. Nach den ersten Erkenntnissen gehe der Anschlag auf das Konto des IS, sagte Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu. Dies könne aber noch nicht abschließend bestätigt werden.

Zu dem Anti-IS-Treffen, auf das der Anschlag verübt wurde, hatten sich in Suruç rund 300 linksgerichtete und prokurdische Teilnehmer versammelt, überwiegend Studenten. Sie hatten vor, den Wiederaufbau der syrischen Grenzstadt Kobani voranzutreiben, die durch wiederholte IS-Attacken weitgehend zerstört wurde. "Sie wollten in Kobani Parks einrichten, Kindern Spielzeug schenken und Wände bemalen", sagte ein Mitarbeiter der Kurdenpartei HDP.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan verurteilte den "Akt des Terrors". Bei einem Besuch in Zypern sagte er: "Im Namen meines Volks verfluche und verurteile ich die Täter dieser Unmenschlichkeit." Das Büro von Davutoğlu kündigte an, dass der Regierungschef drei Minister zum Anschlagsort schicken werde: Vizeregierungschef Numan Kurtulmuş, Innenminister Sebahattin Öztürk und Arbeitsminister Faruk Çelik.

Etwa zehn Kilometer von Suruç entfernt, in der syrischen Stadt Kobani, detonierte kurze Zeit später ein weiterer Sprengsatz. Dabei seien mindestens zwei Kämpfer der kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) getötet worden, berichtet die Deutsche Presse-Agentur unter Berufung auf einen Sprecher des Kampfverbandes. Die Bombe sei in einem Auto an einem Kontrollpunkt in der Nähe einer Schule explodiert.

In dem Gemeindezentrum, das von der kurdischen Partei HDP betrieben wird, hatten sich am Morgen Mitglieder der sozialistischen Jugendorganisation SGDF (Sosyalist Gençlik Dernekleri Federasyonu, zu Deutsch "Verband der sozialistischen Jugend") versammelt. Sie wollten dort eine Pressekonferenz geben und anschließend zu einer Hilfsaktion nach Kobani aufbrechen. Das Gemeindezentrum beherbergt regelmäßig Journalisten und Freiwillige, die in Kobani helfen wollen. In Suruç befindet sich eines der größten Flüchtlingslager für Syrer, die vor den Kämpfen in ihrem Land geflohen sind. In dem im Januar eröffneten Camp leben rund 35.000 Flüchtlinge.

Die überwiegend von Kurden bewohnte Stadt Kobani war im vergangenen Jahr monatelang Schauplatz heftiger Kämpfe, nachdem der IS dort eingerückt war. Im Januar zwangen kurdische Kämpfer die IS-Kämpfer zum Rückzug. Ende Juni startete der IS eine neue Offensive, wurde aber nach nur zwei Tagen wieder aus der Grenzstadt vertrieben.