Ein Jahr nach den tödlichen Polizeischüssen auf den schwarzen Teenager Michael Brown haben sich in Ferguson im US-Bundesstaat Missouri Hunderte Menschen zum Gedenken versammelt. Zum Auftakt schwiegen die Teilnehmer kurz vor 12 Uhr Ortszeit demonstrativ für viereinhalb Minuten – zur Erinnerung an die viereinhalb Stunden, die Brown nach den Schüssen auf der Straße gelegen hatte.

Zwei weiße Tauben wurden in die Luft gelassen und viele Teilnehmer trugen T-Shirts mit dem Abbild Browns, andere hielten Schilder mit Aufschriften wie "Stoppt das Töten von schwarzen Kindern".

Der Vater Michael Brown Senior dankte den Teilnehmern dafür, dass sie dafür gesorgt hätten, dass der Fall nicht einfach "unter den Teppich gekehrt wurde". Zu der Gedenkfeier waren unter anderem auch der Wissenschaftler und schwarze Bürgerrechtler Cornel West, die Aktivistin und Filmemacherin Bree Newsome und Angehörige von anderen durch Polizeigewalt getötete Schwarze angereist. Die Tochter des erwürgten Eric Garners, Erica, sagte der BBC: "Dieses Jahr war unglaublich hart. Keine Haftung, keine Gerechtigkeit. Die Polizei tötet uns immer noch."

Systematische Veränderungen sind ausgeblieben

Der Pfarrer Osagyefo Sekou von der Aktivistenplattform Ferguson Action Council sagte BBC, dass trotz einiger positiver Entwicklungen innerhalb der schwarzen Gemeinde auf gesellschaftlicher Ebene noch vieles im Argen sei: "Die systematischen Veränderungen, die wir so dringend brauchen, sind ausgeblieben."

Auch in anderen amerikanischen Städten wurde an Michael Brown als eines von vielen Opfern überzogener Polizeigewalt gegenüber Schwarzen erinnert. Vor dem Barclays Center in Brooklyn, New York, versammelten sich Demonstranten zu einem sogenannten Die-in. Dabei legten sie sich auf den Boden und erinnerten damit an die erschossenen Opfer. In ihrem Aufruf schrieben die Organisatoren, sie verlangten ein Ende der Gewalt vorrangig weißer Polizisten gegen schwarze Menschen, "egal ob an Ampeln, Fahrzeugkontrollen oder in Gefängniszellen".

Aus den teils gewaltsamen Ausschreitungen und Protesten im Anschluss an Browns Tod hatte sich die Bewegung Black Lives Matter – schwarze Leben zählen – formiert. Bereits am Samstag hatte es eine Kundgebung in Ferguson gegeben, bei der Demonstranten T-Shirts mit dem Porträt Browns und Slogans wie "Hört bitte auf, uns zu töten" und "Hände hoch! Nicht schießen!" trugen.

Für Montag haben verschiedene Gruppen zu einem Tag des zivilen Ungehorsams aufgerufen. Nach Angaben der Organisatoren sollte das Gedenken allgemein den Opfern von Polizeigewalt seit Browns Tod gelten.

24 weitere Fälle seit Brown

Kurz vor dem Jahrestag wurde am Freitag erneut ein unbewaffneter Schwarzer von einem weißen Polizisten erschossen, diesmal in Texas. Nach Angaben der Washington Post hat es allein seit Browns Tod 24 solcher Fälle gegeben.

Der Student sei in der texanischen Stadt Arlington mit seinem Wagen durch die Scheibe eines Autohauses gefahren, teilte die Polizei mit. Zwei Beamte seien wegen eines mutmaßlichen Einbruchsdeliktes dorthin geschickt worden. Anschließend sei es zu einer Auseinandersetzung gekommen, ein Beamter habe viermal geschossen. Polizeichef Johnson versprach volle Aufklärung: "Sollte beim Einsatz gegen Recht und Gesetz verstoßen worden sein, wird dies Konsequenzen haben."

Der 18-Jährige Michael Brown war unbewaffnet, als er am 9. August 2014 von einem weißen Polizisten mit insgesamt sechs Kugeln erschossen wurde. Es folgten tagelange Demonstrationen und teils schwere Unruhen. Der weiße Polizist wurde vom Dienst suspendiert. Ein Strafverfahren gegen ihn wurde nicht eingeleitet. Eine Jury aus Laien folgte Wilsons Version, er habe aus Notwehr gehandelt und verzichtete auf eine Anzeige. Auch das US-Justizministerium leitete kein Strafverfahren ein, da es keine Gegendarstellung zu Wilsons Schilderung der Tötung gegeben habe.  

Im März veröffentlichte das US-Justizministerium einen Bericht, in dem es der Polizei in Ferguson Rassismus und die routinemäßige Schikanierung der mehrheitlich schwarzen Bevölkerung vorwirft