"Und nächste Woche lernen wir das Q", sagt der Mittzwanziger im Karohemd. Er steht vor einer verschmierten Tafel in einem Flachbau aus Beton, irgendwo im Ruhrgebiet. Vor ihm, an abgewetzten Tischen, sitzen: Said, Raina, Omaira, Mohammed und Kaan. Dort, wo auch früher schon die Kinder aus der Nachbarschaft das Abc lernten.

Doch heute ist alles anders. Diese Kinder sind Flüchtlinge. Sie kommen aus Somalia, Eritrea, dem Irak und Syrien. Ihre Eltern sind geflohen – vor Krieg, Dürren, Diktatoren, Extremisten. Sie tragen abgetragene Kleidung, ihr Deutsch ist schlecht. Sie wohnen in der ehemaligen Schule. Nur selten huscht ein Lächeln über ihre Gesichter. Zum Beispiel, wenn Rene Prascher* zu Besuch kommt, drei Mal in der Woche, mit ihnen Fußball spielt und ihnen Deutsch beibringt.

Sein Allerweltsgesicht ginge zwischen den Kindern unter, wäre er nicht der einzige Deutsche. Und noch etwas trennt ihn von den Bewohnern, auch wenn sie es nicht wissen: Prascher war über ein Jahrzehnt in der rechtsextremen Szene aktiv, ein Neonazi.

Er ist mehrfach vorbestraft wegen Körperverletzung. In der Dortmunder Neonazi-Szene war er Wortführer. "Hitler und das Dritte Reich vergötterte ich damals", erzählt er. In seiner Logik gehörte er zu den Mutigen, "die aussprachen, was der Rest der Gesellschaft sich nicht traut". Er gründete und führte rechte Kameradschaften in Nordrhein-Westfalen, gab Schulungen für Neonazi-Kader, trat auf Aufmärschen als Redner auf.

Am Anfang seines Weges stand Schmerz

Seit zwei Monaten hilft er nun in der Erstaufnahmeunterkunft den Neuankömmlingen bei der deutschen Aussprache, spielt mit Bürgerkriegsflüchtlingen, verteilt Kleiderspenden. "Rene, komm, komm!": Said, Raina, Omaira, Mohammed und Kaan begrüßen ihn meistens schon am Zaun.

Wie wird man vom Neonazi zum Flüchtlingshelfer? Am Anfang von Praschers Weg stand Schmerz, nicht Einsicht: Im November 2014 eskaliert ein Streit mit einem Kameradschaftskonkurrenten. "Eins kommt zum anderen", beschreibt Prascher die Schlägerei vage. Seine Finger zittern, die Stimme stockt. Das Geschehene scheint ihn noch immer nicht loszulassen. Am Ende tritt ein anderer Neonazi auf den am Boden liegenden Prascher ein. "Ich habe viel Blut verloren", sagt er.

Die Folge: Intensivstation, viel Zeit zum Nachdenken. Wie bei vielen Rechtsextremen, die aussteigen wollen, bedarf es auch bei Prascher eines persönlichen Erlebnisses. Ein Schlüsselereignis, das den Bruch mit den alten Kameraden endgültig ins Rollen bringt. Die Schlägerei war so eins.

"Ich will einfach ein ganz normales Leben führen"

Der Aussteigerorganisation "Exit" zufolge ist ein vollständiger Ausstieg aus der Szene erst erfolgt, wenn die ehemaligen Neonazis ihre bisherige Ideologie kritisch reflektieren und mit ihr abschließen. Zweifel allein reichen nicht. Ein echter Bruch mit der Szene ist selten und mit erheblichen persönlichen Entbehrungen verbunden.

Entbehrungen gab es bei Rene Prascher durchaus: Als er nach der Schlägerei angeklagt wird, greift der Richter hart durch. Der junge Neonazi sei eine "Gefahr für die Gesellschaft", heißt es in der Urteilsbegründung. Prascher wird, weil er zuvor wegen einer anderen Tat lediglich auf Probe in Freiheit war, zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt – ohne Bewährung. "Nach dem Krankenhaus dachte ich, jetzt fange ich neu an’", sagt Prascher. "In der JVA war ich dann am Ende."