Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat sich besorgt über Berichte von Flüchtlingen geäußert, wonach sie auf dem Meer von maskierten und bewaffneten Männern angegriffen und teils auch ausgeraubt worden seien. "Wir haben genügend ähnlich lautender Geschichten gehört, um in Sorge zu sein", sagte die Vertreterin der Hilfsorganisation auf der griechischen Insel Kos, Constance Theisen.

Nach ihren Angaben berichten Flüchtlinge ihrer Organisation seit Juli von den Angriffen. Einige machten demnach die griechische Küstenwache verantwortlich – dies wurde jedoch vom Chef der griechischen Einwanderungspolizei, Zacharoula Tsirigoti, energisch zurückgewiesen.

Der Flüchtling Ahmed Jusef berichtete auf Kos, wie sein Boot bei einem vorherigen gescheiterten Versuch, nach Griechenland zu kommen, attackiert worden sei: "Große, mit Gewehren, Stöcken und Messern bewaffnete, maskierte Männer näherten sich unserem Schlauchboot, durchlöcherten es und warfen unseren Motor ins Wasser", sagte der 40-Jährige.

Sein Schicksalsgenosse Walaa berichtet, seine Holzjacht sei Anfang August auf dem Weg nach Kos weniger Kilometer hinter der türkischen Küste von einem griechischen Schiff angegriffen worden: "Sie fuhren direkt in unser Schiff hinein, es zerbrach in zwei Teile. Der Treibstofftank explodierte, wir flogen alle ins Wasser. Unter uns waren auch Frauen und Kinder." Daraufhin hätten die "Griechen" sie aus dem Wasser gezogen, an Land gebracht und sich entschuldigt: "Wir wollten euch nur vergraulen."

Der 21-jährige Syrer Ibrahim Nadschdschar erzählt von einem bewaffneten Raubüberfall auf sein Boot, als er vor zwei Wochen schon einmal versuchte, nach Griechenland zu kommen. Die Männer hätten das Schiff in der Nähe der Insel Lesbos geentert, den Treibstoff an sich genommen und seien dann wieder mit ihrem griechisch und europäisch beflaggten Schiff davongefahren.

Die griechische Küstenwache hatte Anfang August die Festnahme von drei Männern gemeldet, die Flüchtlinge auf dem Meer ausgeraubt haben sollen. Die drei Griechen im Alter zwischen 21 und 31 Jahren waren demnach als Beamte der griechischen Küstenwache verkleidet.

Laut Ärzte ohne Grenzen beschuldigten Flüchtlinge in ihren Berichten immer wieder Vertreter der griechischen oder der türkischen Küstenwache, hinter den Angriffen zu stehen. Selbst bestätigen konnte die Organisation die Übergriffe nicht. Auch die Sprecherin der UN-Flüchtlingshilfe (UNHCR), Stella Nanou, wollte die Vorwürfe weder bestätigen noch dementieren. "Wir versuchen nun selbst, die Lage zu beobachten", sagte Nanou. Ärzte ohne Grenzen informierte nach eigenen Angaben die griechische Küstenwache, das Innenministerium sowie die EU-Grenzschutzmission Frontex über die Vorwürfe.