Flüchtlinge am Eingang des Aufnahmelagers an der Bremer Straße in Dresden © Oliver Killig/dpa

Seit Wochen behindern die Behörden und Betreiber des Dresdner Flüchtlingscamps die Berichterstattung. Journalisten erhalten keinen Zutritt, bekommen kaum Informationen. Freiwillige Helfer und Flüchtlinge sollen nicht mit der Presse reden, und selbst die ehrenamtlich arbeitenden Ärzte bekommen einen Maulkorb. Das ist das Schweigen. Der billige Versuch, Wahrheit unter Verschluss zu halten.

Nun, nachdem zwei Ärzte am Donnerstag über die katastrophalen medizinischen Zustände ausgepackt hatten, wurde Journalisten am Freitag – im vorderen Teil des Lagers – der Zutritt gewährt. Am Abend liefen Beiträge in ARD und ZDF.


"Die Situation ist nicht schön, aber es wird übertrieben" – so lässt sich die Kernaussage von Staatssekretärin Andrea Fischer (CDU) im Fernsehen zusammenfassen. Unterlegt wurde das Interview von eingeschränkten und relativ harmlosen Bildern. In den Zelten selbst durfte nicht gefilmt werden. Das ist das Verschleiern. Der billige Versuch, die Deutungshoheit zurückzugewinnen.

Massenmenschhaltung im Flüchtlingscamp

Ich war im Camp – unerkannt, bevor die Kameras da waren. Nichts war in Ordnung. Im kleinen Ambulanzcontainer fehlten Behandlungsliegen und Sichtschutz. Wer sich für die Untersuchung ausziehen musste, hatte unzählige Zeugen. Es herrschten Temperaturen von 38 Grad, wo Medikamente lagerten. Die Zelte: vollgestopft, die Pritschen dicht an dicht, Massenmenschhaltung. Wer nicht bei seiner Ankunft krank war, musste es werden.

Immerhin: Auf dringendes Anraten der freiwilligen Ärzte waren die Dixi-Klos gegen Toilettencontainer mit fließend Wasser ausgetauscht worden, auch die Wäsche der Flüchtlinge wird mittlerweile gewaschen. Bei weniger als 20 Dixi-Klos für 1.000 Menschen und ungewaschener Kleidung breiteten sich zu Beginn der Aufnahme virale Erkrankungen und Krätze aus.

Ärzte vor Ort vergleichen die Zustände zu Beginn wahlweise mit ihren Erfahrungen in den Slums von Uganda oder den Townships in Südafrika. Jeweils mit dem Nachsatz: Da lief es besser. Rainer Ordemann, Oberarzt am Uniklinikum, sagt, das Zeltlager an der Bremer Straße sei nicht besser als die Zeltlager an der Grenze zu Syrien. "Zusätzlich stehen aber hier noch dumpfe Typen vor dem Tor und pöbeln." 

Über Krankheiten im Camp liegen dem Innenministerium angeblich keine Informationen vor

Es ist nicht so, dass die zuständigen Behörden nichts davon wussten. Im Gegenteil. Das Sächsische Ministerium für Soziales war es, das schon am 27. Juli über die Sächsische Landesärztekammer eine Anfrage beim Uniklinikum Dresden gestellt hatte. Für die ärztliche Notfallversorgung der Flüchtlinge im Camp suche man dringend ehrenamtliche Ärzte: Allgemeinmediziner und Internisten, Kinderärzte, Gynäkologen.

Über eine Woche später, am 5. August, hieß es aus dem Staatsministerium für Soziales, über Krätze liege dem Ministerium keine Information vor. Das ist das Lügen. Der beschämende Versuch, die Öffentlichkeit zu manipulieren.

Es wäre vielleicht Zeit, dass Innenminister Markus Ulbig (CDU) klare Worte findet. Dass er eingesteht, dass unter seiner Verantwortung mitten in Dresden ein Ort der Schande entstanden ist, aber man alles daran setzt, dies zu ändern. Transparent, unter der Beobachtung von Journalisten. Das macht die letzten zwei Wochen nicht ungeschehen. Aber es würde das Signal setzen, dass die sächsische Landesregierung doch etwas verstanden hat.