Seit Wochen herrscht Ausnahmezustand in Kanjiža: Jeden Abend erreichen bis zu 2.000 Flüchtlinge die serbische Kleinstadt nahe der Grenze zu Ungarn. Die Menschen kommen in Bussen, campieren meist direkt vor dem Rathaus, und sie bringen Robert Lacko langsam zur Verzweiflung: "Wir wissen nicht, warum so viele Menschen ausgerechnet zu uns kommen", sagt der Gemeindevorstand. "Die Bevölkerung hat Angst, viele haben die Nase voll", fügt er wütend hinzu. Die Stadt lasse täglich mit vier Traktoranhängern zwölf Tonnen Müll einsammeln, der beim Durchzug der Flüchtlinge zurückbleibe, beschreibt er eines der vielen Probleme. Und das Schlimmste: Alles müsse die Stadt aus ihrem schmalen Budget finanzieren, ohne jegliche Hilfe der Regierung, geschweige denn aus der EU.

Zehntausende Menschen sind auf der Flucht nach Europa, viele von ihnen wählen die sogenannte Balkanroute über die Türkei zu den griechischen Inseln wie Chios, Samos oder Lesbos. Von dort weiter über Athen nach Mazedonien, Serbien und Ungarn. Dort hätten die Behörden allein in den ersten sieben Monaten des Jahres 86.000 Migranten aufgegriffen, gibt die ungarische Regierung an. Ministerpräsident Viktor Orbán will dieser "Völkerwanderung" nun endgültig Einhalt gebieten: Die Flüchtlinge sollen künftig mit einem Stacheldrahtzaun an der Weiterreise gehindert werden. Ende des Monats soll der Grenzzaun zwischen Serbien und Ungarn fertiggestellt sein.

Auf einer Länge von 175 Kilometern wird derzeit sogenannter Nato-Draht, eine Art Stacheldraht mit rasiermesserscharfen Schneiden, befestigt. Auf vier Meter soll er in die Höhe wachsen. Orbán geht davon aus, dass der Zaun dafür sorgen wird, dass nur noch ein Sechstel der Flüchtlinge ins Land gelangt.

Doch viele Grenzschützer bezweifeln das. Es gebe viel zu wenig Personal, um den Zaun zu bewachen. "Wir werden drüberspringen", "wir werden den Zaun aufessen", machen sich die Flüchtlinge Mut. In den Grenzdörfern Serbiens gebe es schon Anzeichen für einen neuen Markt für Drahtscheren, berichtet die Polizei. Und tatsächlich: In der vergangenen Woche schnitten 18 Migranten den Draht durch und kamen so doch nach Ungarn. Sie wurden allerdings geschnappt, festgenommen und wieder abgeschoben.

In dem kleinen Urlaubsort Palić im Norden Serbiens wartet auch Scherwan Jusef mit seiner 13-jährigen Tochter Jara auf eine zweite Chance, illegal über die EU-Außengrenze nach Ungarn zu kommen. Einmal habe er es schon geschafft, sei aber von einer Patrouille entdeckt und sechs Tage ins Gefängnis gesteckt worden, erzählt der 44-jährige Syrer, der früher als Beamter im Finanzministerium arbeitete. Die Behandlung sei äußerst mies gewesen, es habe nur wenig Essen und Wasser gegeben.

Das gleiche Schicksal erfuhren der frühere Geschichtsstudent Salah Saleh (25), Hussein (24) und Dschalal Ali (43) sowie ein weiterer Verwandter. Alle stammen aus dem syrischen Afrin nordwestlich von Aleppo an der Grenze zur Türkei. Von dort hätten sie sich zum türkischen Hafen Izmir durchgeschlagen. Für die kurze Überfahrt in wackeligen Bötchen bis zur griechischen Insel Chios seien 1.000 US-Dollar pro Person fällig gewesen.

Auch die vielen pakistanischen Flüchtlinge kommen nach eigenen Angaben über die immer gleiche Route: über die Türkei und Griechenland weiter nach Mazedonien. Dortige Behörden berichten, Griechenland bringe die Menschen mit Bussen an die Grenze, wo sie im Niemandsland ohne weitere Hilfen ausgesetzt würden. Wenn die Flüchtlinge Mazedonien nicht zu Fuß, auf dem Fahrrad oder in Taxis durchqueren, kommen sie mit den drei täglichen, regulären oder den vielen Sonderzügen. "Unsere ohnehin marode Eisenbahn hat dafür überhaupt nicht die Kapazitäten", stöhnt Branimir Jovanovic von der linken Bewegung Solidarität in Skopje. Also laufen die Flüchtlinge auf dem Schienenstrang in Richtung Norden. Rund 20.000 allein von Mitte Juni bis Mitte Juli. Ende April wurden 14 Menschen getötet, weil sie einen heranbrausenden Dieselzug nicht bemerkten.

Traumziel Deutschland einen Schritt näher gekommen

Auch die beiden Dörfer Vaksince und Lojane in Sichtweite der Grenze zu Serbien liegen auf der Route der Flüchtlinge. Dort hat sich das Schleusen zum einträglichen Geschäft entwickelt. Schon bisher hatte die Polizei dort wenig zu sagen, sodass organisierte Banden mit Drogen- und Waffenschmuggel verdienten. Jetzt schnappen sie sich Flüchtlinge und sperren sie so lange ein, bis sie 500 Euro oder mehr für ihre Freilassung herausrücken.

Wer die Weiterreise über Serbien nach Ungarn schafft, bekommt in der grenznahen Stadt Szeged etwas zu essen, zu trinken und Hygieneartikel. Die Hilfe wird von der ungarischen Hilfsorganisation MigSzol und Unterstützung der Kommune generalstabsmäßig geplant und umgesetzt. Doch schon in der Hauptstadt Budapest sind die Flüchtlinge wieder ganz sich selbst überlassen. Ihren Traumzielen Österreich, den Niederlanden, Skandinavien und vor allem Deutschland sind sie aber einen entscheidenden Schritt näher gekommen.

In Kanjiža fragen sich die Bewohner weiterhin, warum Tausende Flüchtlinge durch ihre Stadt ziehen. Scheinbar haben sich Hunderttausende seit dem Frühjahr wie auf Kommando in Bewegung gesetzt, obwohl Bürgerkriege und Armut ihre Heimat schon seit vielen Jahre beuteln. Kanjiža-Gemeindevorsteher Lacko behauptet, dass es sich um eine "bestens organisierte Flucht" handele. Die verschiedenen Nationen würden von "Anführern in speziellen T-Shirts" geführt. Geld sei reichlich vorhanden und werde über den Finanzdienstleister Western Union organisiert. Auffällig sei auch, dass die Gruppen in der Regel gezielt mithilfe von GPS-Daten unterwegs seien. "Und da ist leider unsere beschauliche Stadt Kanjiža als letzter Punkt vor der ungarischen Grenze markiert."