Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne finden Sie hier – und auf seiner Website.

Anrede

Bürgerinnen und Bürger des Ostens, wo immer er sei! Heidenauer, Salzhemmendorfer, Oberhausener! Der Kolumnist hört mit Betroffenheit, dass Sie besorgt seien. Er hat daher das empathische Bedürfnis der Mitbesorgnis. Allerdings fehlt ihm noch das Entscheidende: eine Art von vernünftigem Grund.

Besorgnisse

In Sachsen, einem schönen Land, habe ich acht Jahre meines Lebens verbracht. Schon damals, 1993 bis 2000, war man dort besorgt: Dass der Nachbar mehr kriege als man selbst, dass die Wohnung vielleicht im Jahr 2025 gekündigt werden könnte, dass die Soljanka verboten oder ein Vietnamese Ausländerbeauftragter werde. 

Nun sind viele der Daheimgebliebenen wieder tief besorgt. Ihr Ministerpräsident kann das nicht verstehen, denn bekanntlich gehört zwar der Sorbe, nicht aber der Islam zu Sachsen; daher muss man sich keine Sorgen machen. So sieht's auch der Oberbürgermeister von Erfurt (das liegt, liebe Münchner, nicht in Sachsen, aber in der Nähe) mit klarer antifaschistischer Gesinnung: "Deutschland darf kein zweites Heidenau werden!"; zu diesem Zweck sollen Flüchtlingskinder vorerst mal im Zelt bleiben und nicht die Schulen deutscher Bürger verstopfen.  

Unterdessen blicken wir fassungslos auf eine Straßenblockade durch den Vorsitzenden der Partei der deutschen Arbeiterbewegung, Sigmar G., der den Besorgten "keinen Millimeter Raum" geben will in jenem Deutschland, das Patriotische Europäer aus Markkleeberg doch mit eigener Hände Arbeit bis auf Weltniveau gebracht haben. Hilfe ist nicht in Sicht. Seit 25 Jahren weigert sich Helmut K. standhaft, das Land mit Weihwasser zu besprengen, auf dass endlich die Landschaften blühen und Carmen Nebel die Tagesschau moderiert.

"Wir sind", so formulierte es eine besorgte Heidenauerin am 26. August in das Mikrofon der besorgten Reporterin, "1945 aus Schlesien gekommen. Keiner hat uns gewollt. Obwohl wir Deutsche waren." Weil keiner sie wollte, will sie jetzt auch keinen. Da geht dem Kolumnisten das Herz auf: Das ist ein Rachebedürfnis, das eines Bruce Willis würdig wäre! 75 Jahre lang hat die Schlesierin gewartet; jetzt schlägt sie zurück.   

Fluchten

Wir sind ja Blut vom selben Blute! Wir Vertriebenen, wir Flüchtlinge. Der Deutsche allzumal ist praktisch dauernd auf der Flucht. Erinnern Sie sich?

Im 18. und 19. Jahrhundert flohen Millionen kräftiger, arbeitsfähiger junger deutscher Elendsflüchtlinge auf der Westroute (Amerika) oder der Südostroute (Australien). Sie überfluteten die Baumärkte und Turnhallen in Illinois und Massachusetts, wurden durchgefüttert von gottesfürchtigen Quäkern, ausgeraubt, betrogen und zusammengeschlagen von besoffenen New Yorkern, die drei Schiffe früher angekommen waren. Die Überlebenden gründeten den original Wilden Westen. Intschuschuna und Hop Sing waren ihre Häuptlinge, und Karl May, ein homoerotischer Leptosom aus Radebeul, ihr Prophet. 

Ab Januar 1933 floh wieder das halbe deutsche Volk, diesmal  vor dem Faschismus, in die Schweiz, nach Frankreich, mit Wohnwagen in die Niederlande, vereinzelt sogar ins Arbeiterparadies am Ural. Um die Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus nicht mitmachen zu müssen. Wir wollen aber nichts beschönigen (namentlich der Sachse ist seit der Einkreuzung hugenottischer Flüchtlinge im Jahr 1685 ein aufrichtiger Mensch). Man muss deshalb zugeben, dass sich unter die ab 1933 in die weite Welt Hinausziehenden ein paar zweifelhafte Armutsflüchtlinge gemischt hatten (ich sage nur: M. Dietrich, B. Brecht, T. Adorno), die sich in Amerika durchfüttern ließen, bloß weil sie in Deutschland im erlernten Beruf keine Arbeit fanden. Auch ein späterer Gouverneur von Kalifornien soll unter umstrittenen Umständen von Graz über das Meer gelangt sein.

Wie auch immer: Der deutsche Vertriebene weiß, was Flucht bedeutet. Er ist über Amerika nach China nach Russland nach Schlesien nach Heidenau zurückgeflohen. Er ging zu Fuß nach Sibirien hinein und, um des lieben Friedens willen, wieder hinaus. Selbst Napoleon hat das nicht geschafft, obwohl er ein Pferd hatte.