Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne finden Sie hier – und auf seiner Website.

Am 19. Oktober spricht Bundesrichter Thomas Fischer im Berliner Radialsystem mit Sabine Rückert (stellv. Chefredakteurin, DIE ZEIT) und Jochen Wegner (Chefredakteur, ZEIT ONLINE) über das Strafrecht. Kartenvorverkauf: http://zeit.to/fischer-event

Drei Rundfunkbeiträge

Erstens. Dass einmal mehr Großes vor sich gehe in Deutschland, erfuhr der Kolumnist auf der morgendlichen Fahrt nach Karlsruhe aus dem Autoradio: "Generalbundesanwalt Range", so hörte er, "hat ein Ermittlungsverfahren gegen zwei Journalisten wegen Landesverrats eröffnet". Näheres folge "im Anschluss an diese Nachrichten". Was folgte, war nichts "Näheres", sondern einander überstürzende Eruptionen knallharter Investigation auf allen Kanälen. Sie lautete: "Wer ist für diesen Skandal verantwortlich?" und "Wer hat davon gewusst?".

Die Fragen, deren Beantwortung das Vibrato der Moderatoren stündlich in Aussicht stellte, sind zwei Wochen später weder geklärt noch intelligenter geworden. Möglicherweise hängt das eine mit dem anderen zusammen.

Zwischenzeitlich erfuhren wir, dass "ein erster Rücktritt" (ganz wichtig das Ordinalwort – wir kennen es aus "erste Tote", "erste Opfer") erfolgt sei und dass auf irgendwelche Personen "der Druck weiter zunehme". Diese "Druckzunahme" ergibt sich, wie der erfahrene Leser/Hörer/Zuschauer weiß, dadurch, dass die Nachricht fünfmal hintereinander gesendet und anschließend ein angetrunkener Landtagsabgeordneter aus Mecklenburg-Vorpommern aufgetrieben wird, der in ein Mikrofon die goldenen Worte spricht von der "rückhaltlosen Aufklärung" und den "personellen Konsequenzen".

Zu diesem Zeitpunkt liegen alle Politiker mit Überlebenswillen bereits in den Straßengräben in Deckung, über dem Kopf eine Tarn-Mütze aus dem Gras der Ahnungslosigkeit (Achtung: Ich meine hier selbstverständlich das gemeine Wiesengras, nicht etwa cannabinoide Gedächtnisbereiniger!). Auf freiem Feld –  immerhin noch in den Ackerfurchen – ducken sich die Staatssekretäre und Ministerialdirektoren. Nur die Referatsleiter radeln pfeifend zum Dienst, wie jeden Tag, das Lederrucksäckchen umgeschnallt.

Zweitens. 6. August, 07.40 Uhr. Der Deutschlandfunk interviewt den Vorsitzenden des NSA-Untersuchungsausschusses des Deutschen Bundestags, Patrick Sensburg, zur Beurteilung des "Netzpolitik.org-Skandals". Herr Sensburg müht sich redlich, eine Art von Struktur in den Schwall halbgarer Unkenntnis zu bringen, der ihm entgegenschlägt. Er hat gegen die Vernehmerin am Schaltpult keine Chance. Denn dort sitzt – wir sprechen, liebe Hörer, von "Qualitätsrundfunk"! – eine Spezialistin für kritische Befragung, die, wie es ihr Beruf mit sich bringt, nicht nur alle Fragen kennt, sondern vor allem die richtigen Antworten. Jeglicher Versuch ihres Interviewpartners, diesem usurpatorischen Verhörkonzept zu entkommen, wird unterbunden und alsbald "hinterfragt" – oder: mit der Attitüde der Herablassung und Besserwisserei beiseite gewischt. Fällt eine Antwort nicht nach dem Skript der Moderatorin aus, wird sie wiederholt. Widersetzt sich der Vernommene hartnäckig, wird die nächste geschlossene Frage vom Blatt gelesen, die – das ist das Ziel der geschlossenen Frage – wiederum eine erwünschte Antwort erzwingen soll. Das nennt man dann wohl: "auf den Zahn fühlen". Es gibt Momente, in denen man sich für die Redakteure solcher Sendungen schämt.

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Drittens. 6. August 2015. Der Kolumnist wird in einer Live-Sendung des SWR interviewt. Die erste Frage lautet: "War die Entlassung von Generalbundesanwalt Range richtig?" Nachdenken, abwägen, formulieren: Ob sie "richtig" gewesen sei, wolle oder könne er, der Kolumnist, nicht sagen – sie sei aber "berechtigt" gewesen, da der Bundesminister der Justiz das Recht habe, den Generalbundesanwalt jederzeit in den einstweiligen Ruhestand zu versetzen. Kurzer Gedanke blitzt auf: Man hätte statt "berechtigt" eventuell vielleicht "rechtmäßig" sagen sollen, um noch deutlicher neutral zu bleiben. Egal, live ist live. In der nächsten Nachrichtensendung des SWR wird verlesen: "Der Vorsitzende Richter am BGH, Fischer, hält die Entlassung von Generalbundesanwalt Range für berechtigt."

So, liebe Rezipienten, geht "Journalismus". Das ist interessant, denn in diesen Tagen geht es um die medienrelevante und die Öffentlichkeit aufwühlende Frage, was Journalismus darf. Dabei erfährt man voller Erstaunen: Gerade der Qualitätsjournalist arbeitet an der untersten denkbaren Grenze seiner intellektuellen Möglichkeiten. Weil der Leser, Hörer und auch Sie, lieber Zuschauer, von einer solch deprimierenden Einfalt sind: Sie verstehen praktisch nichts, was sich nicht in kurzen Hauptsätzen mit sechs Worten sagen lässt. Deshalb ist es für den Qualitätsjournalismus auch erforderlich, in solch einfachen Sätzen zu denken. Gedankengebäude, in denen eine Folge von zwei verschiedenen Bedingungen abhängt, die ihrerseits untereinander in Abhängigkeit stehen, setzen nämlich ein Hochschulstudium voraus. Zum Beispiel: A haut B aufs Maul, wenn C entweder D anbaggert oder E, aber nur für den Fall dass D nicht mit A Schluss gemacht hat und B das gut fand. Oder: Eine Intervention der Nato im Nordirak hätte nur dann einen Sinn, wenn die USA sich mit Russland über eine gemeinsame Haltung im Syrien-Konflikt einigen könnten.

Unsere Presse

Die Meinung ist frei. Unsere Pressefreiheit vor allem! Na gut, sagen wir: ziemlich frei. Vielleicht nicht ganz so frei wie im Paradies der Washington Post, wo John Wayne und Clint Eastwood, Hand in Hand und Whiskey für Whiskey, vor 44 Jahren gegen einen Stein schlugen (worauf Wasser hervorsprudelte) und zu einem Korb sprachen (worauf dieser von käseüberbackenen Laugenbaguettes und buchenholzgeräucherten Bioforellen überquoll). Heutzutage muss man, verehrte YouTube-Generation, schon ganz andere Sachen aufklären, bevor ein Präsident zurücktritt.