Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne finden Sie hier – und auf seiner Website.

Am 19. Oktober spricht Bundesrichter Thomas Fischer im Berliner Radialsystem mit Sabine Rückert (stellv. Chefredakteurin, DIE ZEIT) und Jochen Wegner (Chefredakteur, ZEIT ONLINE) über das Strafrecht. Kartenvorverkauf: http://zeit.to/fischer-event

Lieber Leser,

heute zum Einstieg mal ein paar Fragen von Mann zu Mann. Der Grund dafür, dass ich an dieser Stelle 50,2 Prozent unserer Bevölkerung ignoriere, liegt – das versteht sich – nicht in den Tiefen meines Frauenbilds, sondern einfach an der Realität. Zur Leserin komme ich später.

Zur Sache: Was erwarten Sie von einem gelungenen Prostituierten-Besuch? Suchen Sie vor dem Akt eine gepflegte Unterhaltung – etwa über die häuslichen Lebensbedingungen, die Art der Schulbildung, den Beruf des Lebensgefährten? Achten Sie auf überschminkte blaue Flecke? Erkundigen Sie sich nach der Länge der Schicht und den Weisungen des Betreibers?

Da kommt der ZEIT-Leser nun ein bisschen ins Hüsteln, und wird "äh, nun ja" sagen, das P-Wort sei ihm durchaus geläufig, da doch bereits im alten Rom die sogenannte öffentliche Frau eine hoch angesehene Rolle innegehabt habe … bla, bla. Dann wird er um sich blicken, ob vielleicht die Mama mithört oder – noch schlimmer – die Allerliebste, und dann wird es zu merkwürdigen Bekenntnissen und Wertungen kommen – schwer glaubhaft, kaum originell, intellektuell an der unteren Grenze. Er habe nur ein einziges Mal mit einer Prostituierten verkehrt, vor vielen Jahren (am besten: als Jugendlicher). Es sei gar nicht schön gewesen. Er fahre nur ganz zufällig ab und zu den Umweg über den Straßenstrich, weil dort in der Nähe eine günstige Tankstelle liegt. Er kenne auch eine Prostituierte, von früher, oder habe einmal eine gekannt. Es ist erstaunlich, wie viele Männer platonische Beziehungen zu Prostituierten zu unterhalten behaupten, und wie wenige es zu geschäftlichen Kontakten kommen lassen.

Wer an einem ganz normalen Freitag den Eingang eines ganz normalen Laufhauses in Frankfurt beobachtet, dem drängt sich der Eindruck auf, dass die meisten Einlassungen gelogen sein könnten.

Vergangene Woche durften wir wieder einmal gespannt der medialen Bebilderung des Themas "Prostitution" entgegensehen, nachdem am 11. August eine internationale Konferenz von Amnesty International einen bemerkenswerten Beschluss gefasst hatte. Und wir wurden nicht enttäuscht: natürlich die rötlichen Bilder vom Straßenstrich auf allen Kanälen und Magazin-Seiten, gern auch künstlerisch durch die High Heels schräg nach oben aufgenommen; fast nackte Mädels, bereit zu allem, in Autofenster gebeugt. Auf solche Weise angeregt, vertieft sich der Leser/Zuschauer ins "Elend der Zwangsprostituierten", einem Wesen, das er aus der Emma und dem Tatort kennt, persönlich aber noch nie gesehen hat. Zwangsprostituierte sind Personen, die mit nötigenden Mitteln oder mit List zur Prostitution gezwungen oder gegen ihren Willen dort festgehalten werden, also Opfer des sogenannten "Menschenhandels" (Paragraf 232 Strafgesetzbuch). Der Begriff Menschenhandel ist irreführend, denn der Tatbestand stellt den eigentlichen "Handel" mit Menschen gar nicht unter Strafe.

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Für das Jahr 2014 weist die Polizeiliche Kriminalstatistik gerade einmal 500 Verdachts(!)-Fälle von Menschenhandel in Deutschland aus. Das "Dunkelfeld" wird von sogenannten Fachleuten oft als gigantisch bezeichnet. Wenn das stimmte, wäre es freilich ein echtes Wunder, dass die Population der Zwangsprostituierten den unermüdlichen Befreiungsangeboten von Polizei und Beratungsstellen beinahe unerkannt zu entkommen scheint. Das könnte allerlei Gründe haben, dass auch hier ein Zwang wirkt, ist nicht ganz unplausibel, aber zirkelschlüssig (je weniger man sieht, desto mehr ist da). Tatsächlich wird die Dramatik aufgebauscht.

Das gilt auch für Behauptungen wie die, in Deutschland arbeiteten 400.000 Prostituierte, oder 1,2 Millionen Männer täglich (!) suchten Prostituierte auf. Diese Zahlen werden von Medium zu Medium weitergereicht und dabei jedes Mal ein bisschen nach oben abgerundet. Wer sie ermittelt hat, ist kaum festzustellen – geprüft sind sie nicht. Das gilt übrigens auch für die Zahl der männlichen Prostituierten. Die Bundesregierung erklärte im Jahr 2014 zu alldem zutreffend, verlässliche Zahlen lägen nicht vor.

Legendär ist die Prophezeiung der versammelten deutschen Medienlandschaft im Jahr 2006, an den Grenzen Deutschlands stünden 40.000 Zwangsprostituierte (!) bereit, um illegal nach Deutschland gebracht und hier von ausländischen (was sonst?) Zuhälterbanden in zwangskasernierter Form den Besuchern der Fußballweltmeisterschaft zugeführt zu werden. Tatsächlich registrierte die Polizei dann einen leichten Anstieg von Prostituierten – wie auch zu Messezeiten üblich. Von Zwangsprostituierten auch diesmal keine Spur. Im Jahr 2014 wurden in denselben Medien dann wochenlang die Qualitäten und Vorbereitungen der besonders  empfehlenswerten brasilianischen Prostituierten auf das große Ereignis diskutiert.