Sachlage

In diese Diskussion schlägt die Resolution der internationalen Konferenz von Amnesty International vom 11. August 2015 ein wie eine Bombe: Legalisierung von Prostitution weltweit! Frau Schwarzer ist schon wieder außer sich. Hunderttausende Elendsprostituierte, schreibt sie, würden von linken Traumtänzerinnen der Tendenzpresse von "Brigitte, Zeit und taz" übersehen, "ein paar tausend" deutsche Studio-Inhaberinnen (!) und Gelegenheitsprostituierte dagegen idealisiert. Kann das sein: Amnesty International entlarvt als Helfershelfer der Menschenhändlerbanden und Großverbrecher?

Die eifernden Tiraden sind moralisierender Unsinn. Sie gehen von einem Leitgedanken aus, der in Stein gemeißelt über allem schwebt und lautet: Prostitution ist schlecht, denn sie ist der Ausdruck gewaltdefinierter Ungleichheit und fremdbestimmter Entmenschlichung. Dieselben gutmeinenden Menschen, die dieses Bild in Sauberkeitskampagnen verkünden und sich angeekelt abwenden von der Vermarktung höchstpersönlicher Intimität, verkaufen freilich nicht selten auf den Werbeseiten der Zeitungen ihr Lächeln an einen Zahnpasta-Produzenten, ihre Menstruation an einen Tampon-Hersteller, ihre innersten Gefühle an jede dahergelaufene Illustrierte und die Angst ihrer Mutter vor Demenz an die Pharmaindustrie. Wir müssen also fragen:

Was meinen die Bekämpfer der "Elendsprostitution" eigentlich? Was ist das Substanzielle, Bedeutende am "Elend", über das wir sprechen? Ich kenne Menschen, die sind "Elendszeitungsausträger" oder "Elendstiefbauarbeiter". Es soll schon "Elendsbergleute" und "Elendsautomobilarbeiter" gegeben haben – falls man damit meint, dass jemand durch Armut dazu gezwungen wird, fremdbestimmte, unangenehme Arbeit zu verrichten. An den Kassen von 10.000 Supermärkten sitzen "Elendskassiererinnen", und gefühlte zweihunderttausend "Elendsfriseurinnen" föhnen und färben täglich die erschreckenden Outfits von Menschen zusammen, die sich von einer minderbegabten Mändi für fünf Euro die Stunde ihre Schuppen auswaschen lassen und das gut finden. Das knappe Trinkgeld teilen sich Mändi und Sven, der Betreiber des Salons "Haar-Nadelkurve", gewiss geschwisterlich. Wenn Mändi die Chance kriegt, in der Stunde 200 zu verdienen mit zwei Blowjobs, und zusätzlich noch die wahre Liebe ihres Beschützers, wird sie sich das wahrscheinlich überlegen. Und mag sie auch das eine oder andere übersehen, kann man doch wirklich nicht sagen, ihre Überlegung könne vor der Kalkulation einer durchschnittlichen Emma-Redakteurin nicht bestehen.

Ich habe übrigens nichts dagegen, gegen Elends- oder Armutsprostitution zu sein. Im Gegenteil! Aber warum soll der "Kampf" nicht der Armut und dem Elend gelten, sondern der Prostitution, die für viele randständige Gruppen immerhin doch noch ein Ausweg ist? Man sollte dem Emma-Aufruf der 10.000 nach Strafverschärfung und Polizeikontrolle eine kleine Spendenkampagne nachschieben: Wenn 10.000 Brüder und Schwestern der Armutsprostituierten jeweils 1.000 Euro zahlen, könnte man 10.000 Armutsprostituierten jeweils 1.000 Euro schenken und sie für ein halbes Jahr in die schwarze Heimat zurückschicken, wo sie für das Geld Reis und Maniok kaufen oder ihre arbeitslosen Männer versorgen könnten. Das wäre deutlich preisgünstiger und humaner, als sie hierzubehalten und einem Schwarzer'schen Zwangsregime zu unterwerfen.

Bei dieser Gelegenheit: Ich habe noch nichts gehört über die angemessenen Strafen für die 50.000 geschiedenen Lehrerinnen und Journalistinnen, Bibliothekarinnen und Hautärztinnen jenseits der 49, die auch in diesem Sommer wieder an den Stränden und in den Lounges der Dritten Welt schöne junge Männer mit muskulösen Körpern und süß duftender Haut kaufen (Filmtipp: In den Süden von Laurent Cantet, mit Charlotte Rampling, 2005). Es sind nicht wenige, wenn wir den Magazinen und der Lebenserfahrung glauben dürfen, und sie handeln aus genau denselben Motiven wie die Tiere in den Bumsbombern nach Bangkok und Phuket. Darf man es Skandal nennen, dass Emma diese Strafbarkeitslücke noch nicht entdeckt hat?

Prostitution – international

Die Resolution von Amnesty International ist deshalb so überraschend, weil sie den Blick über den üblichen deutschen oder mitteleuropäischen Tellerrand erhoben und auf die ganze Welt geschaut hat. Dort, in der Wirklichkeit, aus der die Elendsprostitution zu uns zieht, zeigt sich das wahre Gesicht der "Moral", ohne an den Voraussetzungen und Bedingungen der Prostitution selbst etwas zu ändern. Das ist eine sehr wichtige Erkenntnis, die uns Besserwisser zum Nachdenken bringen sollte, ganz gleich wo wir in der Prostitutionsdebatte stehen. Die Denunzierung der Amnesty-Resolution ist jedenfalls schon im Ansatz falsch und verdreht das Anliegen. Die Illegalität eines bestimmten Sozialverhaltens ist für sich allein kein Schutz und ist es noch nie gewesen. Strafrecht ist kein Mittel der Sozialhygiene. Das gilt für die Prostitution nicht anders als für die Drogensucht. Hinter all den Empörungen steckt dieselbe alte Doppelmoral.

Wo auf der Welt Prostitution illegal oder gar strafbar ist, führt dies zur beinahe völligen Auslieferung der Prostituierten an Polizei- und Justizgewalt, an kriminelle Gewaltstrukturen und zu ihrer sozialen Randständigkeit mit gravierenden Folgen für Gesundheit und Lebenschancen. Wo eine (technische) Förderung der Prostitution auch dann strafbar ist, wenn sie weder ausbeuterisch noch nötigend auftritt, führt dies zur Stärkung gewalttätiger Ausbeutungssysteme.

In vielen Ländern der Welt führt eine "moralisch" legitimierte Verfolgung der Prostitution zur Rechtlosigkeit der Betroffenen und zur Zerstörung jener Strukturen, die ihnen ein halbwegs sicheres Leben ermöglichen könnten. Legalisierung bedeutet hier: Zurückdrängung von Polizeigewalt, von Korruption und von Auslieferung an die Gewaltstrukturen rechtsfreier Räume. In vielen, gerade auch islamisch geprägten Ländern, bedeutet Legalisierung (erstmalige) Anerkennung und minimale Sicherung der Existenzvon sexuellen Minderheiten, also vor allem von Homosexuellen und Transsexuellen.

Erforderlich wäre also zunächst eine Diskussion der Ehrlichkeit und eine Besinnung auf Grundsätzliches. Wir vermarkten Sexualität heute in einem Maße, das historisch einmalig ist. Gleichzeitig übernehmen wir – auch hier wieder auf den Schweißspuren unseres großen Bruders jenseits des Atlantiks – ein Regiment des moralischen Rigorismus und der Frömmelei, das sich skurril ausnimmt vor der Kulisse des Silikon-Fetischismus und des allgegenwärtigen Wettlaufs um Virilität und Sex-Appeal bis ins Greisenalter. Der Fetischismus um sekundäre und tertiäre Geschlechtsmerkmale treibt Millionen von Menschen in wahnhafte "Therapien" jeder Art. Von Plakatwänden und aus Videoclips springen uns 24 Stunden am Tag die Bilder junger oder sehr junger Menschen an, die uns mit nichts anderem als dem Versprechen von Geilheit auffordern, in unserem Leben einen Sinn zu sehen. Darf man Sie, verehrte Model-Contest-Veranstalter, liebe Misswahl-Organisatoren, fragen, warum ausgerechnet freiwillige Prostitution das untere Ende dieser Zivilisation darstellen soll?

Fazit

Die geplanten Gesetzesverschärfungen sind vor allem eines: Placebos in einer unausgereiften politischen Diskussion, die sich nicht entscheiden kann zwischen moralischer Entrüstung und vernünftigem Rechtsgüterschutz. Maßnahmen wie eine Strafbarkeit von Freiern sind unmittelbar kontraproduktiv. Die Kampagne zur umfassenden Kriminalisierung und Ausgrenzung von (freiwilliger) Prostitution ist ein polizeistaatliches Konzept, das nicht die Prostitution abschafft, sondern Prostituierte unsichtbar und rechtlos macht. Der Ansatz von Amnesty International ist rational und an den Menschenrechten der Betroffenen orientiert. Er sollte umgesetzt werden.