ZEIT ONLINE: Ist Rechtsextremismus ein ostdeutsches Problem?

Matthias Quent: Rechtsextremismus als ostdeutsches Problem darzustellen, ist gefährlich, es verschleiert die eigentlichen Gründe. Rechtsextremistische Einstellungen sind im Osten ebenso verbreitet wie im Westen. Es kommt auf die Definition des Begriffs an, es gibt einen Unterschied zwischen ausländerfeindlichem Gedankengut und rechten Gewalttaten.

ZEIT ONLINE: Die Zahl der rechtsextremen Straftaten ist im Osten deutlich höher.

Quent: Dafür gibt es mehrere Ursachen, das fängt schon bei der unterschiedlichen zählweise von rechtsextremen Straftaten in den Bundesländern an. In Bremen gab es trotz der großen Hooligan-Szene offiziell nur vier rechtsmotivierte Übergriffe im vergangenen Jahr, im Saarland zwei. Rechtsextremismus ist in einigen Regionen in Ostdeutschland derzeit allerdings deutlich sichtbarer und es gibt mehr Gewalt.

ZEIT ONLINE: Woran liegt das?

Quent: Zum einen gibt es in Westdeutschland eine starke Zivilgesellschaft mit einer gefestigten Debattenkultur. Sie zeigt den Rechtsextremisten klar auf, dass sie am Rand stehen und dass sie eben nicht die Mehrheit stellen. Rechte Parolen sind in der Öffentlichkeit meist tabu. In Ostdeutschland hat sich das mancherorts geändert. Pegida und andere Gruppen haben den öffentlichen Raum erobert und nach rechts geöffnet. Rechtsextreme Parolen werden hingenommen. Hier haben Politiker, aber auch die Gesellschaft geschlafen.  

ZEIT ONLINE: Vor allem Sachsen stand zuletzt mehrfach im Fokus.

Quent: Dort behaupten noch immer Politiker, die Nazis kämen von außerhalb. In Dresden wurde schon zu DDR-Zeiten mit Blick auf die Bombardierung im Zweiten Weltkrieg ein Opfermythos gepflegt. Pegida etwa wurde nur in Dresden stark, die Gegenbewegung blieb zahlenmäßig schwächer.

ZEIT ONLINE: Das erklärt aber nicht die Gewaltbereitschaft.

Quent: Rechte Gewalt und rechten Terror gibt es auch im Westen, denken Sie an das Oktoberfestattentat. Allerdings waren Rechtsextremisten im Westdeutschland der frühen 1990er zumeist biedere alte Männer. Die NPD im Osten hingegen hat sich gezielt an orientierungslose Jugendliche gewandt, wo oft eine größere Gewaltbereitschaft herrscht. Sie öffnete sich Subkulturen, die "Revierkämpfe" in Kleinstädten ausfechten. Das hat andere Strukturen geschaffen, die sich bis heute erhalten haben.


ZEIT ONLINE: Also gibt es doch Unterschiede zwischen Ost und West?

Quent: Natürlich gibt es die – wie auch zwischen den Bundesländern. Allerdings greift es zu kurz, Rechtsextremismus im Osten historisierend zu erklären und ihn in ein Ost-West-Schema zu pressen. Rechtes Gedankengut findet sich in allen Schichten. Aber der Schritt, sich öffentlich zu äußern oder Gewalt anzuwenden, ist dagegen selten. Wirtschaftlich schlecht gestellte Menschen haben dabei weniger zu verlieren, von ihnen gibt es im Osten eben derzeit mehr. In den 1990ern war rechtsextremes Gedankengut Studien zufolge im Westen verbreiteter, dort wurde übrigens auch öfter rechts gewählt. Das hat sich erst Mitte bis Ende der 1990er geändert, als klar wurde, dass es mit den blühenden Landschaften nichts wird. Zudem: Osten ist nicht gleich Osten. In Jena lag die NPD zuletzt bei nur 1,5 Prozent der Stimmen.

ZEIT ONLINE:  Rechtsextremismus als Folge schlechter wirtschaftlicher Verhältnisse?

Quent: Das erklärt längst nicht alles. Sehr viele Menschen mit schlechtem Einkommen oder schlechter Bildung und sehr viele Wendeverlierer wurden nicht rechtsextrem, der Sohn eines Professors hingegen schloss sich dem NSU an. Abdriften in den Rechtsradikalismus lässt sich nicht monokausal erklären.

ZEIT ONLINE: Es fällt auf, dass es gerade im ländlichen Raum viele rechtsextreme Übergriffe gegen Flüchtlingsunterkünfte gab. Gibt es ein Stadt-Land-Gefälle?

Quent: Mir liegen dazu keine Zahlen vor. Allerdings stimmt es etwa für Thüringen, dass Rechte sich auf den ländlichen Raum zurückgezogen haben. Dort erodiert die Infrastruktur, der Staat ist weit weg. Das droht allerdings nun auch in einigen westdeutschen Regionen. Zudem sind ländliche Regionen meist homogener, die Einstellung, eine Gemeinschaft zu sein, die es zu verteidigen gilt, verfängt sich leichter. Außerdem haben Menschen fernab der Metropolen oft keinen Alltagskontakt mit Ausländern.

ZEIT ONLINE: Ist die derzeitige Lage vergleichbar mit der in den frühen 1990ern?

Quent: Ich würde eher sagen, mit der Lage Mitte der 1980er, als rechte Gruppen an Schwung gewannen und sich etwa die Republikaner gründeten. Die Flüchtlingszahlen sind gerade erst gestiegen, aber sie werden in den kommenden Jahren aller Wahrscheinlichkeit nach hoch bleiben.

ZEIT ONLINE: Was müssen Staat und Gesellschaft tun, um Rechtsextremismus zurückzudrängen?

Quent: Die Zivilgesellschaft muss den Rechten die Stirn bieten. Es muss einen öffentlichen Aufschrei geben, zusätzlich zur Hilfe, die viele Freiwillige in Flüchtlingsunterkünften leisten. Politik und Polizei müssen sich klar gegen rechte Gewalttäter stellen, das war zum Beispiel in Heidenau nicht so. Die Wasserwerfer wurden erst aufgefahren, als die Antifa auftauchte, nicht jedoch, als Rechte Böller warfen. Es darf kein Zweifel aufkommen, auf welcher Seite der Staat steht, sonst fühlen sich die Gewalttäter erst recht legitimiert.