Es geht schlecht los mit einem Interview, wenn der Interviewte gleich die erste Frage blöd findet. "Ist es zur Mutprobe geworden, in Rio de Janeiro Fahrrad zu fahren?" will ich von José Mariano Beltrame wissen, dem obersten Sicherheitschef von Rio de Janeiro. "Nein, ich glaube nicht", antwortet der, befremdet und mit einem Gesichtsausdruck, als wolle er gleich wieder gehen.

Es ist aber tatsächlich eine Mutprobe geworden, in Rio Fahrrad zu fahren oder sich zu Fuß zu bewegen.

Die Zahl der Überfälle auf Straßen, an den Stränden und in den Parks schnellt derzeit in die Höhe, gleich in der Nähe des ZEIT-Büros wurde kürzlich einer Frau ins Bein geschossen, weil sie nicht schnell genug ihr Geld herausrückte. Die neueste Gefahr sind Banden brutaler Fahrraddiebe. Sie schubsen ihre Opfer bei voller Fahrt vom Rad und verschwinden auf Nimmerwiedersehen mit den Drahteseln. Großes Aufsehen erregte ein Fall im Reichenviertel Lagoa: Da wurde ein radelnder Arzt sogar von Fahrraddieben erstochen.

Erstaunlicherweise sagt der Gesprächspartner Beltrame dazu: "Natürlich trifft die Polizei eine Schuld, wenn so etwas passiert. Aber uns trifft nicht die ganze Schuld. Und die Polizei wird niemals all diese Probleme lösen."

Die Polizei zumindest in Teilen machtlos? Das klingt natürlich überraschend aus dem Munde des Sicherheitschefs von Rio de Janeiro – ein knappes Jahr vor den Olympischen Spielen. Ab Juni 2016 wird erneut die halbe Welt in der Strandmetropole zu Gast sein, sie will sich vor Dieben und Räubern sicher fühlen. "Während der WM ist hier alles tadellos gelaufen", knurrt Beltrame, "bei Olympia wird es nicht anders sein."

Ich habe Beltrame schon einmal interviewt, vor der Fußball-WM 2014, und im Prinzip hat der Mann ja recht: Auch damals hatten viele Menschen Sorgen vor einem Anstieg der Gewalt in der Stadt, und schließlich, während der Spiele, lief doch fast alles ziemlich friedlich. Beltrame – ein drahtiger Mann aus Südbrasilien, Kind einer italienischen Einwandererfamilie – ist seit unserem letzten Treffen noch ein bisschen grauhaariger geworden, seine Gesichtszüge wirken noch ein wenig strenger. Er schimpft auf die Dinge, die seiner Meinung nach schief laufen: darüber, dass Minderjährige von der Polizei nur selten festgenommen werden dürften; dass seine Beamten jugendliche Täter immer wieder laufen lassen müssten; dass keiner von denen mal dauerhaft in einem Gefängnis lande. "Das Gefängnis ist eine Schule des Verbrechens, das weiß ich selber", sagt Beltrame. "Aber sollen wir die weiter auf der Straße herumlaufen lassen?"

Aber eigentlich ist das gar nicht das Thema, das ihn am meisten bewegt. "Mit Polizeiarbeit alleine werden wir das Verbrechen in Rio de Janeiro niemals bekämpfen können", sagt er ein paar Augenblicke später. Wie sonst? "Wir müssen an die Ursachen gehen. Die Ungleichverteilung der Einkommen. Falsche Einstellungen in unserer Kultur. Bildungsversagen. Mangelnde Perspektiven für die Menschen. Zu wenig Stolz und bürgerliche Mitverantwortung." Okay, aber geht es ein bisschen weniger wolkig?

"Ja, gehen Sie in die Cidade de Deus (eine Favela in Rio de Janeiro, Anm. d. Red.)", erwidert Beltrame. "Da werden Sie eine ganze Armee von Jugendlichen sehen, die den lieben Tag lang Bälle oder Steine vor sich her kicken. Die haben nichts zu tun. Keine Abwechslung, keine Musikstunde oder so etwas. Niemand zeigt diesen jungen Leuten, was es Besseres geben könnte, als eines Tages mit einer Waffe in der Hand rumzulaufen." Und warum passiert das nicht? "Weil die brasilianische Gesellschaft um ihren eigenen Bauchnabel kreist", klagt er Sicherheitschef. "Diese Gesellschaft will, dass die Leute aus der Favela ihnen Essen kochen und das Haus aufräumen und das Baby wickeln." Wie die Menschen dort leben, welche Chancen die jungen Leute bekommen, das sei der Gesellschaft häufig egal.