Als die Dignity 1 am Ort der jüngsten Flüchtlingstragödie im Mittelmeer ankommt, hat sie bereits 94 Flüchtlinge an Bord. Um 10:30 Uhr am Mittwochmorgen hatte das Schiff, das von Ärzte ohne Grenzen betrieben wird, von der zentralen Koordinationsstelle in Rom die Anweisung erhalten, Richtung Süden zu fahren. Ein Schiff habe um neun Uhr einen Hilferuf abgesetzt. "Zu diesem Zeitpunkt war unser Schiff 20 Seemeilen von dem Schiff in Not entfernt", sagt Paula Farias. Sie koordiniert die Mission von Dignity 1 vom Festland aus. In dem Boot wurden 600 Menschen vermutet, die Kapazitäten des bereits zur Hilfe geeilten Irischen Marineschiffs Lé Niamh reichten nicht aus. "Als die Dignity ankam, war das Flüchtlingsboot bereits umgekippt und komplett gesunken. Unsere Leute konnten nur noch Menschen aus dem Wasser fischen."

Das Flüchtlingsboot war gekentert, als das irische Rettungsschiff sich genähert hatte. "Der Beginn jeder Rettung ist die gefährlichste Phase des Manövers", sagt Farias. Wenn sich das Schiff der Retter nähert, werden die Menschen an Bord des überladenen Schiffs nervös. Wenn sie sich in Bewegung setzen, halten die überfüllten Holzboote das oft nicht aus und kentern. Um das zu verhindern, halten sich die verschiedenen Hilfsorganisationen an eine Strategie: Die großen Rettungsschiffe, die mehrere Hundert Personen aufnehmen können, fahren nicht an die Flüchtlingsboote heran. Stattdessen setzen sie kleine Schlauchboote ab, auf denen einer oder mehrere Übersetzer sind, medizinisches Personal und Rettungswesten.

"Wir versuchen unter allen Umständen eine Panik zu vermeiden. Am allerwichtigsten ist es, sicherzustellen, dass sich niemand bewegt", erklärt Martin Xuereb. Xuereb ist der Direktor der Migrant Offshore Aid Station (MOAS), einer privaten Rettungsmission, die von dem Unternehmerehepaar Regina und Christopher Catrambone gegründet wurde. Das Schiff von MOAS, die Phoenix, ist ein umgebauter Fischtrawler, der mit zwei Drohnen ausgestattet ist. Außerdem kooperiert die Initiative mit Ärzte ohne Grenzen, die ein Ärzteteam an Bord zur Verfügung stellen. Xuereb war von 2010 bis 2013 Kommandant der maltesischen Truppen, seit 2014 leitet er MOAS. Auch seine Mannschaft und er kamen dem gesunkenen Schiff am Mittwoch zu Hilfe.

Mit Drohnen die Lage sondieren

MOAS hat nach eigenen Angaben bereits etwa 8.000 Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gerettet. "Wir haben zwei Drohnen mit denen wir im Voraus die Lage überprüfen: wie viele Menschen sind an Bord, wie ist der Zustand des Bootes und wie ist der Seegang? Diese Fragen beantworten wir zuerst. Wenn wir angekommen sind, schicken wir eines unserer Schlauchboote zu dem Schiff mit den Flüchtlingen und erklären, was passieren wird. Wir bitten alle Menschen an Bord sich hinzusetzen und beginnen, Rettungswesten zu verteilen. Wir erklären, dass wir genug Westen für alle haben und gekommen sind, um sie zu retten."

Normalerweise, sagt Xuereb, sei die Lage an Bord der Schiffe sehr ruhig. "Die Menschen reagieren oft sehr gut auf unsere Anweisungen. Aber jeder Fall ist einzigartig. Auf einem überlasteten Boot ist die Situation sehr gefährlich. Wir haben keine Kontrolle über das Schiff der Flüchtlinge. Wir haben keine Kontrolle über die Menschen an Bord und über den Zustand der See."

"Wer unter Deck ist, hat keine Chance"

Zweifel an dieser Strategie hat Xuereb nicht, trotz vieler gekenterter Flüchtlingsboote. "Die italienische Küstenwache und Marine operieren genauso. Wir glauben, dass unsere Strategie die beste ist. Wenn ein Boot, das eigentlich zehn bis 20 Menschen transportieren soll, mit 400, 500 oder 600 Menschen vollgestopft wird, ist eine Katastrophe immer möglich. Bei Holzbooten oder größeren Booten wissen wir, dass Menschen an zwei Orten sind: entweder an Deck oder unter Deck. Wenn das Boot kentert, haben die Menschen an Deck noch die Möglichkeit, sich zu retten. Aber wer unter Deck ist, hat keine Chance."

Es wird vermutet, dass etwa 600 Menschen an Bord des gesunkenen Bootes waren und 100 von ihnen unter Deck. Etwa 400 konnten gerettet werden, 25 Leichen wurden am Mittwoch geborgen. "Wir können das Sterben auf See lindern, aber nicht verhindern", sagt Xuereb. "Um es zu beenden, müssen wir den Menschen legale Wege geben, um nach Europa einzureisen. Die meisten Menschen, die über das Meer kommen sind Asylsuchende, die ein Recht auf Asyl haben. Wir müssen ihnen Wege geben, diese Rechte zu nutzen, ohne ihr Leben zu riskieren", sagt Farias.

Sie muss an diesem Donnerstagnachmittag wieder los. Die Dignity 1 ist immer noch in der Nähe des Unglücksortes. Die 94 Flüchtlinge hat sie zu diesem Zeitpunkt auch noch an Bord. Weil in der Gegend so viele Boote kentern, sollte Dignity 1 noch nicht zurück ans Festland. Auch Martin Xuereb sucht weiterhin mit seinen Drohnen das Meer ab, 200 Menschen werden noch vermisst. Inzwischen, sagt er, werde man aber wohl nur noch Leichen finden.