Regenbogenflagge beim 35. Evangelischen Kirchentag in Stuttgart im Juni 2015 ©Gioia Forster/dpa

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch Unverschämt schön. Sexualethik: evangelisch und lebensnah. Lesen Sie hier, weshalb die Evangelische Kirche in Deutschland ihn nicht veröffentlichte.

Sexualität ist eine der schönsten und intensivsten Erfahrungen menschlichen Lebens. Nur was einen so leidenschaftlich ergreifen kann, was eine solche Kraft entfesseln kann, kann auch die Verzweiflungen und Zerstörungen bewirken, die viele Menschen aus ihrem Liebes- und Geschlechtsleben kennen. Weil mit Sexualität sowohl Liebe als auch Lust verbunden sind und sich hier Menschsein von seiner intensivsten Seite zeigt, kann sich Dankbarkeit einstellen. Wenn in der Sexualität ein Stück Himmel erfahrbar ist, weil wir hier Erfahrungen des Angenommenseins, des Einsseins leiblich erleben, dann kann man, selbst wenn Leidenschaft potenziell Leiden schaffen kann, als Erstes sagen: Gott sei Dank dafür.

Das jesuanische Wort, dass der Sabbat um des Menschen willen gemacht sei statt umgekehrt (Mk 2,27f.), ruft die moralische und ethische Beurteilung von Sexualität dazu auf, bodenständig zu bleiben und gerade so den Menschen nahe zu sein, wie es Gott selbst in seinem Sohn geworden ist. Wenn der Menschensohn – also kein anderer Mensch oder kein anderes Gesetz – Herr über den Sabbat ist, dann bedeutet dies: Regeln gilt es nicht um ihrer selbst willen zu beachten, sondern weil sie das mitmenschliche Zusammenleben ermöglichen, bewahren und fördern sollen. Das Jesus-Wort fordert mithin auch dazu auf, Regeln dann infrage zu stellen, wenn sie zu reinen gesellschaftlichen Konventionen zu erstarren scheinen oder spätestens wenn sie sich als lebensfeindlich oder entwürdigend erweisen.

Fruchtbar im weitesten Sinne

Die zunehmende gesellschaftliche und rechtliche Anerkennung vor allem der homosexuellen Orientierung und Lebensform sowie die langsame Öffnung des sexualethischen Diskurses über Homosexualität und Zweigeschlechtlichkeit in der evangelischen Kirche haben insgesamt zu mehr Transparenz und Ehrlichkeit in der Auseinandersetzung und Bewertung differenter sexueller Lebensentwürfe beigetragen. Vor allem erwiesen sich Positionen, die sich mehr oder minder explizit an ethischen Kriterien wie Freiwilligkeit, Achtung der Andersheit, Chancengleichheit sowie Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und Verantwortung ausrichteten, auch für Menschen mit nicht heterosexueller Orientierung als hilfreich bei der sexuellen Gestaltung ihrer Beziehungen. Gleichgeschlechtlich liebende und lebende Männer und Frauen wurden in die Lage versetzt, sich selbst mit ihrer sexuellen Identität anzuerkennen, für andere sichtbar zu werden und auf dieser Basis freiwillige Partnerschaften einzugehen. Während vormals eine nicht mit dem eigenen Fühlen identische soziale Rolle gespielt wurde oder das Selbstkonzept verheimlicht werden musste und möglicherweise neben einer heterosexuellen Partnerschaft gelegentlich homosexuelle Kontakte eingegangen wurden, kann heute eine schwule oder lesbische Orientierung zunehmend ganzheitlich gelebt werden.

Die rechtliche Anerkennung einer solchen Beziehungsweise hat konsequent mehr Partnerschaftlichkeit und Verbindlichkeit zur Folge, die sich auch darin äußern kann, Verantwortung für neues Leben, also auch Kinder, zu übernehmen. Da Sexualität aber nicht mehr als Trieb zur Zeugung von Kindern enggeführt wird, sondern im Sinne einer Lebensenergie als Ressource für Fruchtbarkeit im weitesten Sinne erlebt und kultiviert werden kann, ist sie für hetero-, homo- und transsexuelle Partnerschaften auch ohne Kinder lebensdienlich.

Dass auf dem Weg zur in diesem Sinne gelingenden Sexualität bei allen Menschen noch viel Lernen erforderlich ist und Scheitern nicht ausbleiben kann, gilt grundsätzlich auch für nicht heterosexuelle Orientierungen. Manches gelingt vielleicht sogar besser, weil es bewusster gelebt wird. Kinder aus gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften entwickeln beispielsweise leicht eine größere Sensibilität gegenüber Diskriminierungen aller Art, weil sie die Situation der Exklusion kennen und von ihren Eltern darauf vorbereitet wurden.

Bei vielen Ausprägungen der sexuellen Identität stehen sowohl die gesellschaftlichen Erfahrungen als auch die ethischen Reflexionen erst am Anfang einer sachgerechten und reflexiven Beurteilung. Aber auch angesichts dieser Besonderheiten gelten die genannten Beziehungswerte und Kriterien evangelischer Sexualethik, die unabhängig von physischen Gegebenheiten des manifestierten Geschlechts bedeutsam sind.

Die Trendwende setzt sich durch

Mit Blick auf die Beurteilung sexueller Orientierungen und deren theologischer sowie gemeindepraktischer Bedeutung lassen sich in der jüngeren Vergangenheit deutliche Tendenzen zu einer Liberalisierung und zur Anerkennung einer selbstbestimmten Sexualität in den evangelischen Landeskirchen verzeichnen. Diesen Öffnungen sind wichtige Debatten vorausgegangen: So war 2010 die Diskussion entbrannt, ob gleichgeschlechtlich lebende Pfarrerinnen und Pfarrer mit ihren Partnerinnen und Partnern gemeinsam im Pfarrhaus leben dürfen, wie es das veränderte Pfarrdienstgesetz plötzlich offiziell ermöglichte. 2013 hat die vom Rat der EKD veröffentlichte Familien-Orientierungshilfe "Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken" eine breite Debatte angestoßen, inwieweit sich die evangelische Kirche – und mit ihr die Gesellschaft insgesamt – anderen Lebensformen als der Ehe gegenüber öffnen darf.