Kurz vor dem Schlafengehen noch mal schnell ein Blick auf WhatsApp: Plötzlich tauchen in diversen Gruppenchats Videos von einer riesigen Explosion in der nahe gelegenen Stadt Tianjin auf. Massenhaft werden Bilder und Videos von den gigantischen Explosionen auf Twitter und WhatsApp geteilt.

In den "richtigen" Medien findet das Unglück im Hafengebiet der Millionenstadt zu dieser Zeit noch nicht statt.

Nach und nach verbreitet sich die Nachricht, und am Donnerstag füllen Bilder der Explosion nicht nur das chinesische Netz, sondern auch die Titelseiten chinesischer und ausländischer Medien. Inzwischen gibt es auch erste offizielle Informationen: Zunächst ist von 17 Toten und Hunderten Verletzten die Rede, es seien Chemikalien explodiert. Im Laufe der Zeit steigt die offizielle Zahl der Toten auf 50, aber die Berichte blieben vage.

Dafür sind die Bilder, die überall geteilt werden, umso eindrücklicher: ausgebrannte Gebäude, riesige Parkplätze mit zerstörten Autos und immer wieder die Videos von den riesigen Explosionen, Flammen und bebenden Gebäuden.

Besonders viele Fotos und Videos werden auf der Plattform Sina Weibo geteilt, sie wird oft mit Twitter verglichen. Informationen werden öffentlich gepostet und können von anderen Nutzern weitergegeben und kommentiert werden. Diese Informationen sind relativ leicht zu finden, können aber auch schnell zensiert werden.

Beten für Tianjin – Motive dieser Art wurden auch häufig geteilt.

Auch in den Gruppenchats auf WeChat, der mit mehr als 500 Millionen aktiven Nutzern mit Abstand beliebteste Messenger in der Volksrepublik China und in der Facebook-ähnlichen Timeline des Messengers, ist das Unglück ein großes Thema. Bilder und Videos werden weitergeleitet, Fakten zu der Gegend um den Hafen von Tianjin, Artikel werden verlinkt und Fotos mit zeitlicher Einordnung: Dieses Bild ist von der ersten Explosion, diese drei zeigen die Titelseiten ausländischer Medien. Ein Post stellt die Bilder der Verwüstung den offiziellen Opferzahlen gegenüber: "Wollt ihr uns wirklich erzählen, dass hier nur 50 Menschen umgekommen sind?"

Die Seite "Free Weibo" sammelt gelöschte Nachrichten, in denen Nutzer die Berichterstattung der Medien kritisieren. Viele ärgerten sich besonders über den lokalen Fernsehsender Tianjin TV, der am Morgen nach der Explosion nicht vom Unglücksort berichtete, sondern ein koreanisches Drama sendete.

Diese Kritik hält der Anthropologe Gabriele de Seta, der in Hongkong zu Netzkultur forscht, nicht unbedingt für ein chinesisches Phänomen. Sie entstehe auch in Gesellschaften ohne Zensur: "Nutzer haben das Gefühl, die Regierung würde ihnen Dinge vorenthalten und die Wahrheit verheimlichen. Dagegen kommen ihnen Informationen, die direkt von anderen Menschen geteilt werden, verlässlich und glaubhaft vor."

Weil der WeChat-Messenger in China weithin als privater und sicherer wahrgenommen wird als öffentliche Plattformen wie Weibo, diskutieren und teilen die Nutzer hier relativ frei. Ob die Informationen allerdings zuverlässiger sind als die der staatlich stärker kontrollierten Medien, bleibt offen: Man sieht nur, wer ein Video unmittelbar mit einem geteilt hat, aber nicht, wo es herkommt. Anders als bei Weibo kann man nicht einmal herausfinden, wer etwas zuerst gepostet hat. Eine der Nachrichten, die ihren Weg durch das Netz aus Gruppen- und privaten Chats findet, warnt genau davor: "Traut nur den offiziellen Medien, verbreitet bitte kein von Privatpersonen aufgenommenes Material."

Ähnliche Trends wie de Seta sehen auch andere Geisteswissenschaftler, die das chinesische Internet untersuchen: In privaten Chats oder Gruppen äußern Menschen ihre Frustration über den Mangel an detaillierten Informationen. "Vielleicht gibt die Möglichkeit, Informationen zu teilen, Nutzern ein Gefühl der Kontrolle", mutmaßt ein Interviewpartner, "und in den Gruppenchats findet eine Form der kontinuierlichen Diskussion statt, die es so in den Feeds von Facebook oder Twitter mit ihrer Kommentarfunktion nicht geben kann."

Immer wieder wird das Bild mit dem Kommentar “逆行“ (“Gegen den Strom”) geteilt © “Gegen den Strom”

Ein Bild gibt es, das nach dem Unglück in Tianjin alle teilen: Es zeigt einen Feuerwehrmann in orangefarbener Jacke, der dem Rauch am Ende eines Tunnels entgegenläuft, während um ihn herum Menschen in Grau vor dem Feuer fliehen. Immer wieder wird das Bild mit dem Kommentar "逆行" ("Gegen den Strom") geteilt: Weibo, WeChat – das Foto ist überall zu finden.

Die große Aufmerksamkeit in westlichen Medien und im chinesischen Netz für diesen Unfall hält der Anthropologe de Seta allerdings für übertrieben. Industrieunfälle würden in China andauernd vorkommen: "Vermutlich sterben jede Woche genauso viele Menschen in Bergbauunglücken – die verursachen aber keine Explosionen mitten in einer Großstadt." De Seta sieht den Vorfall in Tianjin daher auch als erneuten Beweis dafür, wie Medienereignisse vor allem von unserer Wahrnehmung abhängen: "Man braucht viel Licht, um von den Kameras wahrgenommen zu werden."

Und Licht und Lärm gab es in Tianjin wahrlich genug.

Welche Videobilder kurz nach dem Unglück in den Medien gezeigt wurden, können Sie in diesem Beitrag sehen.