Die Umgebung des Budapester Bahnhofs Keleti gleicht mehr und mehr einem Flüchtlingslager: Rund um das für sie gesperrte Bahnhofsgebäude in der ungarischen Hauptstadt haben bis zu 3.000 Menschen die Nacht im Freien verbracht. Viele schliefen vor dem von der Polizei bewachten Haupteingang, viele Menschen suchten Schutz im Untergeschoss des Bahnhofs. Auf dem Bahnhofsvorplatz protestierten am Morgen etwa 1.000 Menschen. Sie skandierten auf arabisch "Deutschland, Deutschland". Viele von ihnen hatten bereits Fahrkarten gekauft.

Freiwillige versorgten die Menschen mit Nahrung und Kleidung und boten medizinische Hilfe an. Am Morgen verteilte ein Supermarkt Schokolade an Kinder. Jedoch war bislang niemand auf eine so große Zahl von Flüchtlingen vorbereitet. Ein Reporter des Tagesspiegels zählte lediglich sechs Dixi-Toiletten und sprach von "fundamentalen Menschenrechtsverletzungen". Die Polizei teilte mit, sie werde mittlerweile von Bürgerpatrouillen unterstützt.

In einem Vorort harrten unterdessen rund Hundert Flüchtlinge auf einem Bahnsteig aus, nachdem sie nahe der serbischen Grenze eingetroffen waren. Laut der Polizei weigerten sie sich, in ein Flüchtlingslager gebracht zu werden, und forderten die freie Weiterfahrt nach Deutschland. Die rechtsgerichtete ungarische Regierung von Viktor Orbán hat entlang der Grenze zu Serbien einen 175 Kilometer langen Stacheldrahtzaun errichtet, um die Flüchtlinge aufzuhalten. Doch gelangten nach offiziellen Angaben allein am Dienstag 2.284 Menschen über die Grenze, darunter 353 Kinder.

Ungarn ist für Tausende Flüchtlinge Anlauf- oder Durchreisestation, weil es auf der Landroute von Süd- nach Nordeuropa liegt. Dieses Jahr wurden dort nach Angaben des Innenministeriums bereits 156.000 Flüchtlinge registriert. Viele beantragen Asyl, wollen aber so schnell wie möglich in reichere EU-Staaten wie Deutschland weiterreisen.

Am Montag hatte die Polizei die Flüchtlinge vom Keleti-Bahnhof aus ohne Kontrollen in Richtung Wien und München fahren lassen. Am Dienstag jedoch räumte sie das Gebäude. Seitdem dürfen Flüchtlinge das Gebäude nicht mehr betreten.

Am Münchner Hauptbahnhof sind am Vormittag nur noch 50 Flüchtlinge angekommen, in Rosenheim waren es 60 bis 70. Man rechne damit, dass es den ganzen Tag über ruhig bleibe, sagte ein Sprecher der Bundespolizei.

Bis zum frühen Dienstagabend sind in München etwa 2.100 Flüchtlinge angekommen. Sie wurden registriert und mit Bussen in Erstaufnahmeeinrichtungen in Bayern gebracht. Mehrere Hundert wurden zudem per Zug nach Baden-Württemberg und Hessen weiter geschickt. Thüringen kam dem bayerischen Ruf nach Unterstützung nach: Per Bus würden Asylsuchende aus München abgeholt, teilte der dortige Migrationsminister Dieter Lauinger mit. Die Rede war von etwa 50 bis 60 Menschen.

Die Züge aus Ungarn lösten in der bayerischen Landeshauptstadt eine große Hilfsbereitschaft aus. Hunderte Spender brachten Lebensmittel, Kleidung, Zahnbürsten, Windeln und andere Geschenke zum Hauptbahnhof.

Bayerns Sozialministerin Emilia Müller sagte, im August seien erstmals in einem Monat mehr als 100.000 Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Seit Jahresbeginn seien es bundesweit 413.535 Flüchtlinge und Asylbewerber gekommen. Das bayerische Kabinett berät am Nachmittag über die weitere Strategie. Am Dienstag hatte die bayerische Regierung um Hilfe gebeten.

Österreich rechnet mit weiteren Flüchtlingen

In Österreich bereitet man sich bereits auf weitere Züge vor: "Wir stellen uns zumindest darauf ein", sagte der Chef der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), Christian Kern, der Wiener Zeitung. "Derzeit ist es wieder ruhiger, aber es kann sich jederzeit wieder ändern." Am Westbahnhof in Wien, wo die Züge Richtung Deutschland starten, habe das Unternehmen Betten bereitgestellt, denn die meisten Flüchtlinge wollten die Bahnhöfe in Österreich nicht verlassen und möglichst schnell weiterreisen. Auch in Salzburg liefen die Vorbereitungen für die Ankunft weiterer Menschen.  

Die Zusammenarbeit mit Ungarn laufe gut. "Die Ungarn setzen auch Sonderzüge ein, wir stehen mit den Kollegen dort in gutem Kontakt", sagte Kern. Ein Großteil der Asylsuchenden in den Zügen habe Fahrkarten. "Sie wollen nicht riskieren, den Zug verlassen zu müssen. Die Flüchtlinge versuchen, im Zug nicht aufzufallen und verhalten sich sehr korrekt", sagte der Bahnchef.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann sagte, Ungarn benötige in dieser schwierigen Situation Hilfe. "Wir brauchen europäische Lösungen mit zentralen Aufnahmeeinrichtungen in Südeuropa und eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge in Europa."