Live Blog
1. Oktober 2015 Liveblog abgeschlossen

Flüchtlingsblog: #AskRefugees

Wovor flohen sie aus Syrien und Eritrea? Wie ist es in Deutschland? Fünf Flüchtlinge bloggten bei ZEIT ONLINE und beantworteten Leserfragen. Unser Live-Blog zum Nachlesen

Wie schauen Flüchtlinge auf Deutschland? Welche Erfahrungen haben sie gemacht? Was denken sie über Deutschland und seine Flüchtlingspolitik? Wovon träumen sie? ZEIT ONLINE hat fünf Flüchtlinge in die Redaktion in Berlin eingeladen. Einen Tag lang haben sie über ihre Erfahrungen gebloggt. Hier unser Live-Blog zum Nachlesen. Für uns geschrieben haben:

Keffah Ali Deeb, 33. Sie stammt aus Syrien und ist seit einem Jahr in Deutschland. 
Bright Adewale, 27. Er kommt aus Nigeria und lebt seit zwei Jahren hier.
Fatmir Sinani, 47. Er lebt seit Januar dieses Jahres hier und stammt aus dem Kosovo.
Meera Jamal, 33. Sie kommt aus Pakistan. Nach Deutschland kam sie im Oktober 2008.
Simret Berhane, 39. Er kam aus Eritrea nach Deutschland. Er lebt seit rund zwei Jahren in Oberursel im Taunus. 

Haben Sie eine Frage an einen der Autoren? Schicken Sie einen Tweet mit dem Hashtag #askrefugees an @zeitonline – oder hinterlassen Sie einen Kommentar unter dem Live-Blog.

  • 16:26 Uhr
    ZEIT ONLINE

    Hiermit schließen wir das Blog. Die Autoren bedanken sich bei allen Lesern und Kommentatoren. Unser Bild zeigt unsere Gäste und das Team von ZEIT ONLINE, das mit ihnen dieses Blog betreut hat (von links nach rechts): Meike Dülffer, Meera Jamal, Bright Adewale, Paul Middelhoff, Esther Diestelmann, Simret Berhane, Fatmir Sinani, Philip Faigle, Kefah Ali Deeb, Lisa Caspari und Milena Hassenkamp. Nicht auf dem Bild: Hannes Schrader, Till Schwarze

  • 15:50 Uhr
    Meera Jamal

    Der Leser hekaya fragt: Was bedeutet für Sie die Trennung von Religion und Staat in Deutschland?

    Ich habe mir mein Leben lang gewünscht, dass Glaube und Staat getrennt voneinander existieren. In Pakistan schwebt die Religion über allem. Ich hatte oft das Gefühl, daran zu ersticken. Endlich hat sich mein Wunsch hier in Deutschland erfüllt. 

  • 15:31 Uhr
    Fatmir Sinani

    Ein Leser fragt: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

    Ich hoffe, dass meine Familie und ich in Deutschland leben werden. Ich hoffe, dass meine Kinder dann gute Jobs haben. Meine 16-Jährige Tochter ist sehr gut in der Schule, wir sind stolz auf sie. Meine älteste Tochter ist 18, sie will eine Ausbildung als Malerin beginnen. Dann haben wir noch eine 13-jährige Tochter und zwei 11-jährige Söhne. Im laufenden Asylverfahren darf ich nicht arbeiten, aber ich würde jeden Job nehmen, denn es ist mir wichtig zu arbeiten. Am liebsten würde ich als Koch arbeiten, das ist der Beruf, den ich gelernt habe.

  • 15:18 Uhr
    Simret Berhane

    kritikunerwünscht fragt in den Kommentaren mehrfach nach: "Mich würde interessieren, wieso Sie ausgerechnet nach Deutschland geflüchtet sind, wenn bereits zuvor zahlreiche sichere Länder liegen. Können Sie die diesem Umstand zugrunde liegende Kritik der deutschen Bevölkerung verstehen? Vielen Dank im Voraus und alles Gute weiterhin."

    Meine Antwort:
    Es ist überall in Europa sicherer als anderswo. Ich persönlich bin einfach nur zuerst in Deutschland angekommen. Also bleibe ich hier und lebe hier. Wäre ich zuerst in Schweden angekommen, würde ich jetzt in Schweden leben.

    Viele Leute kommen deshalb nach Deutschland, weil sie von Freunden oder Verwandten gehört haben, dass es hier viele Möglichkeiten gibt. Tatsächlich sind sehr viele Flüchtlinge und Migranten nach Deutschland gekommen. Es wäre gut, wenn andere europäische Länder sie auch willkommen heißen würden.

  • 15:04 Uhr
    Kefah Ali Deeb

    Während meines ersten Monats in Deutschland bin ich viel gereist. Im Regionalzug, von Berlin nach Eisenhüttenstadt und zurück. Dort hatten die Behörden mich in die Erstaufnahmeeinrichtung geschickt. Kein schöner Ort: ein großes Gebäude mit vielen kleinen Zimmern, wenige Quadratmeter groß.


    Wir waren zu zweit auf dem Zimmer. Es sah alles sehr schmutzig aus und es roch schlecht. Als ich das erste Mal dort ankam, dachte ich: "Hier kann ich auf keinen Fall bleiben!" Mich erinnerte alles an meine Zeit im Gefängnis. Außerdem hatte ich doch Freunde in Berlin, bei denen ich wohnen konnte.


    Also bin ich an manchen Tagen um fünf Uhr aufgestanden, bin in den Zug nach Eisenhüttenstadt gestiegen, habe mich dort gemeldet und bin abends wieder zurückgefahren. Meine Freunde haben mir mit dem Geld für das Ticket geholfen. Das ging einen Monat lang.


    Ich weiß, dass es in Ostdeutschland Probleme mit Rechtsextremismus gibt. Aber ich persönlich habe keine Anfeindungen erlebt. Im Bus in Eisenhüttenstadt hatte ich allerdings den Eindruck, dass sich die anderen Fahrgäste weit von mir wegsetzten und mich anschauten. Einmal griff mir eine Frau in meine lockigen, schwarzen Haare und befühlte sie. Ich weiß nicht, warum sie das getan hat, aber sie schaute dabei freundlich.


    Nach einem Monat bin ich nach Cottbus verlegt worden. Vieles war besser dort: die Stadt, aber auch das Gebäude, in dem wir untergebracht waren. Ich bin seither nicht noch einmal in Eisenhüttenstadt gewesen. Aber dieses Bild vom Bahnhof erinnert mich an meine Zeit dort.



  • 14:43 Uhr
    Bright Adewale

    Sascha Urban fragt auf Facebook: Deutschland ist ein vergleichsweise liberales Land. (Beispiele: Freizügigkeit der Kleidung, sexuelle Orientierung, public display of affection, Religionsfreiheit / nicht-religiöse Einwohner). Fällt es Ihnen schwer oder leicht sich in diese Gesellschaft einzufügen? Welche hier herrschenden Werte oder Verhaltensformen fühlen sich für Sie am ehesten fremd an?

    In Nigeria gibt es keine Freizügigkeit und nicht jeder kann seine Sexualität ausleben. Offene Homosexualität gibt es bei uns einfach nicht. Als ich das erste Mal gesehen habe, wie sich zwei Frauen auf der Straße küssen, war ich überrascht. Aber ich habe schnell verstanden, dass das in Deutschland normal ist.

    Als ich zum ersten Mal für die Rechte von Flüchtlingen demonstriert habe, konnte ich sehen, dass viele Homosexuelle mit uns demonstriert haben. Ich war beeindruckt von ihrem Engagement für uns. Viele Vereine von Homosexuellen kommen zu uns in die Flüchtlingsunterkunft und fragen uns, ob wir gemeinsam für Freiheit demonstrieren wollen. Obwohl es auch Flüchtlinge gibt, die da nicht mitmachen wollen, würde ich sagen, dass der Großteil mit ihnen demonstriert.

    Ich selbst habe inzwischen viele Freunde die schwul und lesbisch sind. Für mich spielt ihre Sexualität keine Rolle. Mir ist wichtig, dass ein Mensch ein reines Herz hat.

  • 14:13 Uhr
    Meera Jamal



    Wir besuchen die 14-Uhr-Konferenz mit der Redaktion von ZEIT ONLINE.

    Offenbar kommt unser Blog bei den Lesern gut an. Derzeit ist er das beliebteste Stück auf der Seite. Sogar das UNHCR hat unsere Geschichten in einem Tweet gelobt. Die Redaktion ist offenbar auch ganz zufrieden.

  • 13:40 Uhr
    Meera Jamal

    Mein Mann und ich haben einen drei Jahre alten Sohn. In Pakistan hätten wir ihn nie in den Kindergarten geschickt. Denn wir sind Atheisten – in einem islamischen Land wie Pakistan hätte es unser Sohn deshalb schwer gehabt.

    Hier in Deutschland ist das jedoch kein Problem: Im Kindergarten lernt unser Sohn nicht nur die Sprache unserer neuen Heimat, sondern er wächst mit Gleichaltrigen auf und lernt deren Kultur kennen. Er muss hier keine Koran-Verse auswendig lernen und sich den ganzen Tag nur mit Religion beschäftigen. Für uns ist es eine große Freude, ihn in Freiheit aufwachsen zu sehen.

    Newan geht jetzt in die Drachengruppe. Passend dazu habe ich ihm für seinen ersten Tag im Kindergarten einen Kuchen gebacken.

  • 13:27 Uhr
    ZEIT ONLINE

    In der Flüchtlingsdebatte im Bundestag hat der stellvertretende CDU-Vorsitzende Thomas Strobls heute den Flüchtlingen aus dem Westbalkan gesagt: "Verkauft nicht euer Haus und euer Auto, um den Schlepper und den Schleuser bezahlen zu können. Wir werden euch schnell wieder zurückschicken, und ihr werdet schnell wieder da sein, wo ihr hergekommen seid, nur ihr werdet noch ärmer sein." Was sagt Fatmir Sinani dazu?

  • 13:25 Uhr
    Fatmir Sinani

    Ich komme aus dem Kosovo und ich will, dass meine Kinder eine sichere Zukunft haben. Im Kosovo kann es jederzeit wieder Krieg geben. Deswegen sind auch deutsche und internationale Soldaten dort.

    Ich hatte kein Haus und kein Auto im Kosovo. Ich habe 300 Euro monatlich verdient, die Miete hat 100 Euro gekostet, der Strom 40. Wir haben fünf Kinder. Von 160 Euro konnten wir kaum Lebensmittel für sieben Personen kaufen. Mein Bruder hat mir das Geld geliehen, um hierherzukommen. Wenn ich jetzt zurückgeschickt werde, weiß ich nicht, was wir dann machen. Der Winter kommt und wir haben kein Haus und keine Arbeit. Sozialhilfe gibt es im Kosovo nicht.

  • 13:19 Uhr
    Simret Berhane

    fragt über Twitter: Wie findet Ihr den Klang der deutschen Sprache? Welche Assoziationen weckt diese Sprache bei Euch? Hart, weich, schön, hässlich?

    Meine Antwort:
    Die deutsche Sprache ist hart und es gibt viele lange Wörter. Zum Beispiel Ausländerbehörde. Am Anfang versteht man nichts, man kann nichts lesen, nichts sagen. Jetzt verstehe ich schon einiges. Wenn ich jetzt Deutsch spreche, dann denke ich an meine ersten Deutschlehrer und an dieses Häuschen.


    In diesem ehemaligen Bahnwärterhäuschen in der Nähe meines Flüchtlingslagers in Oberursel habe ich angefangen Deutsch zu lernen.

    Solange man kein Asyl hat, darf man ja keine offiziellen Deutschkurse machen. Aber Freiwillige von Teachers on the road kamen dreimal in der Woche hierher und brachten uns Deutsch bei. Ich hoffe, so etwas gibt es auch an anderen Orten.

    Wenn ich jetzt Deutsch spreche, denke ich an diese großartigen Menschen und an dieses Häuschen.

  • 13:01 Uhr
    Bright Adewale


    Bild: Bahnhof in Mailand

    Nigeria ist korrupt. Ich konnte keinen Job finden. Deshalb wollte ich nach Libyen auswandern, um als Schweißer zu arbeiten. Ich habe vier Jahre in Tripolis gelebt. Ich hatte Geld für meine Familie in Nigeria und mich, Freunde und eine Wohnung. Mein Leben war gut. Dann brach der Krieg aus und alle Firmen mussten schließen.

    Als die Rebellen kamen, wurde es für Schwarze gefährlich. Wir hatten Angst auf die Straße zu gehen, weil jeder Schwarze, der alleine draußen unterwegs war, befürchten musste mit dem Messer aufgeschlitzt zu werden. Also musste ich meinen Vermieter bezahlen, mir Essen zu kaufen. Zwei Monate lang war in meiner eigenen Wohnung gefangen.

    Eines Nachts kamen die Truppen von Gaddafi. Sie klopften an die Tür, es waren 15 Leute. Sie hatten alle eine AK 47 in der Hand, das war sehr beängstigend. Sie stellten uns vor die Wahl, entweder ihr flieht nach Italien, oder wir erschießen euch. Sie nahmen mir all mein Geld, meine Uhr, mein Handy und schubsten mich aus der Wohnung.

    Als wir an der Küste ankamen, wurden wir auf ein Boot geschickt. Es waren etwa 720 Leute an Bord. Direkt neben uns lag ein Boot, auf dem noch mehr Flüchtlinge saßen. Es ist vor meinen Augen gesunken. Ich hatte Freunde an Bord des anderen Schiffs. Bis heute weiß ich nicht, ob einer von ihnen überlebt hat.

    Obwohl das andere Schiff gesunken war, wurde unser Boot losgeschickt. Ich hatte Todesangst. Das Boot hatte drei Etagen. Wir konnten uns kaum bewegen, weil es so voll war. In der untersten Etage war die Luft so schlecht, dass viele in Ohnmacht gefallen sind. Nach drei Tagen ohne Wasser sind einige gestorben. Es kam zu einer Massenpanik. Keiner wollte ganz unten sitzen.  Sieben Tage lange dachte ich, ich würde sterben. Unser Boot hatte keinen Kompass und der Fahrer hatte keine Ahnung, wo Lampedusa liegt. Wir hatten Glück, dass uns ein italienischer Fischer gesehen hat. Der hat dann die Küstenwache verständigt.

    Auf Lampedusa bekamen wir sofort Wasser, eine Decke und Brot. Ich hatte drei Tage lang nichts getrunken und gegessen. Am nächsten Tag wurde ich von den italienischen Behörden registriert.

  • 12:56 Uhr
    Fatmir Sinani

    Ich bin ein großer Fan der deutschen Politik: Gerhard Schröder und Joschka Fischer haben dem Kosovo sehr geholfen. Ich finde die Deutschen einfach super, sie sind sehr hilfsbereit und tolerant.

    Natürlich ist nicht alles perfekt hier, aber ich würde sagen: 90 Prozent. Ich erlebe die Stimmung als sehr positiv und bin immer gut behandelt worden. Aber ich weiß, dass es auch Proteste gegen Flüchtlinge gibt. In den Fernsehnachrichten habe ich Angela Merkel und Sigmar Gabriel gesehen, sie waren in Heidenau. Die Bilder der rechtsextremen Proteste waren nicht schön, aber Rechtsextreme gibt es auch auf dem Balkan, auch im Kosovo.

    Die einfachen Leute im Kosovo sind auch gute Menschen. Aber die Politik ist schlecht. Deshalb hilft es auch nicht, wenn Deutschland Geld schickt, denn es versickert. Deutschland sollte den einfachen Leuten helfen, die keine Arbeit haben. Es würde auch helfen, wenn Deutschland Kosovaren so gut ausbildet, dass sie die Gesetze und den Rechtsstaat achten und es bald keine Korruption mehr gibt.

  • 12:40 Uhr
    Meera Jamal

    Seit dem Jahr 2008 lebe ich in Deutschland. Während der letzten sieben Jahre bin ich viel rumgekommen. Zuerst habe ich in einem Asylheim in Gießen gewohnt, kurze Zeit später bin ich für ein Praktikum bei der Deutschen Welle nach Bonn gezogen. Als Journalistin im Exil besuche ich oft auch Konferenzen und Vorlesungen verschiedener Menschenrechtsorganisationen – zum Beispiel in Nürnberg, München, Berlin und Gießen. Oft bin ich auch unterwegs, um Freunde und Familie zu besuchen oder das Land kennenzulernen.

    Ich habe mit der Redaktion von ZEIT ONLINE mal auf einer Karte markiert, wo in Deutschland ich schon überall gewesen bin.

  • Mehr Beiträge laden
Voriger Artikel Voriger Artikel Diesel Warum bloß wurde der Diesel so beliebt? Nächster Artikel Nächster Artikel Intervention To go in or stay out?
Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

350 Kommentare Seite 1 von 39 Kommentieren