Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne finden Sie hier – und auf seiner Website.

In den vergangenen zwei Wochen habe ich einige Begriffe aus dem Beweisrecht erklärt, die zur Beschreibung des langen Wegs wichtig sind, den die (scheinbar) offenkundigen Tatsachen der Lebenswelt nehmen, wenn sie im Strafprozess als "Wahrheit", Wirklichkeit, tatsächliches inneres und äußeres Geschehen rekonstruiert und zum Gegenstand einer richterlichen Entscheidung – Verurteilung oder Freispruch – gemacht werden sollen. Im heutigen, (vorläufig) letzten Teil spreche ich über den Wert der Beweise, und nebenbei über die innere Kraft der Justiz.

Die Beweisführung

Auf dem gefährlichen Weg vom Berg der allwissenden Götter und ihrer (meist wenig verlässlichen) Wahrheitsbotschaften herab in die Niederungen des Dschungels fiebrigen Wollens begegnet der Mensch selbstverständlich nur wieder sich selbst (schon wieder zwei Filmtipps: Tarkowski/ Soderbergh: Solaris; und selbstverständlich den Roman von Lem) und seiner "Natur": Ein neuer Gott vor den Göttern, ein Widersacher mit unvorstellbaren Kräften, ein Ich! Dieses Monster kann man nicht überwinden, wenn es nicht von selbst in den Staub sinkt. Dies ist die Geburt der Inquisition und damit auch des Geständnisses.

Über die Inquisition, die zunächst eine rein kirchliche Einrichtung zur Verfolgung von Häresie und Magie war, gibt es viele Vorurteile und Fehlannahmen (etwa jene, die Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit gingen überwiegend auf ihr Konto, was nicht zutrifft), auf die es hier aber nicht ankommt. Inquisition bedeutet Befragung, und ist auch so gemeint: An die Stelle von Gerichten, die letztlich nur Zeugen göttlich-ewiger, also einer quasi abstrahierten Wahrheits-"Erkenntnis" waren, treten hier Richter (im kirchlichen Prozess: "Inquisitoren"), die das Verfahren beherrschen und die Wahrheit mittels "Befragung" zu finden versuchen: Bei ihnen ist Anklage zu erheben; sie suchen und vernehmen Zeugen und befragen den Beschuldigten. Das gesamte Verfahren ist geheim: Es gibt keine Öffentlichkeit, keine "Beteiligung" des Beschuldigten, grundsätzlich keine Verteidigung. Diese kurzen Stichworte mögen das Verfahren aus heutiger Sicht barbarisch erscheinen lassen: Tatsächlich verstand es sich als Sieg der Vernunft. Es begrenzte die Wahrheit auf ein menschliches Maß, indem es ihre Kriterien der menschlichen Erkenntnis unterwarf.

Das war nicht eine Wendung von der Dummheit zur Intelligenz, wie es die Alltagstheorie heute gern darstellt. Sondern eine solche vom Himmel zur Erde. Wenn und solang man magische Zeichen über die Geltung der Wirklichkeit entscheiden lässt, ist man ohnmächtig gegenüber der Kausalität. Sobald man aber, zunächst heimlich, beginnt, die Zeichen und die unbestreitbaren Gegebenheiten aufzuzeichnen und zu vergleichen, wird man – zumindest subjektiv – zum Herrn der Wirklichkeit.

Dass Tausende Jahre vergehen mussten, bevor die Gesellschaften diese heute recht banale Erkenntnis fanden, ist wiederum ein bemerkenswertes Indiz dafür, dass nicht die Erkenntnis das Sein bestimmt, sondern aus der Aneignung der Welt emporsteigt (siehe: Thesen zu Feuerbach, usw.). Will sagen: Nicht Kapazität und Klarheit des menschlichen Geistes nehmen zu, damit wir erkennen, wie die "Wahrheit" über unsere Intentionen sich erschließe, sondern die Paradigmen der Erkenntnis wandeln sich. Sagen wir es so: Der Markt kann mit Gottesurteilen ganz schlecht, mit Sachverständigengutachten sehr gut leben.

Das Inquisitionsverfahren beherrschte den Strafprozess bis ins 18. Jahrhundert. Sachbeweise waren nicht zugelassen, neben Zeugen (deren Namen geheim blieben) war das Geständnis das zentrale Mittel des Beweises. Heutzutage erscheint uns die Überhöhung des "Gestehens" als Inbegriff der Irrationalität. Denn weder die Freiwilligkeit des Geständnisses noch seine unfreiwillige Präsentation aufgrund von Folter bieten einen sinnvollen Anhaltspunkt für die Wirklichkeit seiner Wahrheit. Das weiß der Folterer bis heute; er wusste es aber auch damals. Daher wurde die Folter zur Erzwingung des entscheidenden Geständnisses nicht als willkürliche Grausamkeit, sondern als Mittel rationaler Prüfung eingesetzt und mit einer Vielzahl von Regeln eingehegt: Keine Befragung unter der Folter, keine Folter ohne Androhung, keine ungeprüfte Gültigkeit erfolterter Geständnisse.

Der Indizienbeweis wurde in Preußen erst 1848 als vollwertig anerkannt; linksrheinisch galt schon seit Beginn des Jahrhunderts der Code pénal mit öffentlichen Verfahren, Mündlichkeit und Schwurgerichten. Trotzdem gilt das Geständnis bis heute als die Königin des Beweises, und die eingangs zitierte Herabsetzung des "Indizienprozesses" noch in der heutigen Alltagstheorie stammt aus dieser Zeit. In der Sache ist das nicht gerechtfertigt: Sachbeweise aufgrund von Indizien sind oft wesentlich gehaltvoller und objektiver als etwa Zeugenaussagen: Fingerspuren, Telefonprotokolle, Fasern, DNA-Analysen und zahllose andere Sachbeweise ergeben hochspezifische Indizien für bestimmte Geschehensabläufe.