26 Millionen Kinder und Jugendliche sind nach einer Studie der Bertelsmann Stiftung in der Europäischen Union von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht. Damit sind die Jüngeren die größten Verlierer der Wirtschafts- und Schuldenkrise der vergangenen Jahre in der EU.

Betroffen sind demnach fast 30 Prozent aller unter 18-Jährigen. Weit über fünf Millionen der Jungen haben sogar nur geringe Zukunftsperspektiven, da sie weder Ausbildungsplatz noch Arbeit finden.

Die Studie Social Justice Index beleuchtet zum zweiten Mal nach 2014 die Entwicklung in allen 28 EU-Staaten anhand von 35 Kriterien. Deutschland belegt trotz großer volkswirtschaftlicher Kraft nur den siebten Platz, konnte seinen Index-Wert seit 2008 – damals war die Erhebung noch nicht so umfassend wie heute – aber von 6,16 auf 6,52 verbessern. Der EU-Schnitt liegt bei 5,63, Spitzenreiter bleibt Schweden (7,23).

Neben einer wachsenden Kluft zwischen Alt und Jung gibt es laut der Studie auch weiterhin ein deutliches Nord-Süd-Gefälle. Allein in Spanien, Griechenland, Italien und Portugal ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht sind, seit 2007 um 1,2 Millionen von 6,4 auf 7,6 Millionen gestiegen. "Sie leben entweder in Haushalten mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens, leiden unter schweren materiellen Entbehrungen oder wachsen in quasi-erwerbslosen Haushalten auf. Griechenland fällt mit 3,61 weiter zurück", schreiben die Autoren der Studie.

Die gegensätzliche Entwicklung zwischen Jung und Alt werde verschärft durch drei europaweite Trends: Eine steigende Verschuldung der öffentlichen Haushalte belaste vor allem die jüngeren Generationen; Zukunftsinvestitionen in Bildung oder Forschung und Entwicklung stagnierten; und alternde Gesellschaften erhöhten den Druck auf die Finanzierbarkeit sozialer Sicherungssysteme. Der Schuldenstand der EU-Staaten etwa habe sich im Verhältnis zu deren Wirtschaftsleistung im Durchschnitt von 63 Prozent im Jahr 2008 auf inzwischen 88 Prozent erhöht.

Aart de Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung, warnt vor den Folgen: "Wir können uns eine verlorene Generation in Europa weder sozial noch ökonomisch leisten. Die EU und ihre Mitgliedstaaten müssen besondere Anstrengungen unternehmen, um die Chancen junger Menschen nachhaltig zu verbessern."

Armut trotz Vollzeitjob

Für Deutschland spricht die gute Lage auf dem Arbeitsmarkt mit der niedrigsten Jugendarbeitslosigkeit (7,7 Prozent) im EU-Vergleich und der zweithöchsten Beschäftigungsquote hinter Schweden von 73,8 Prozent. Die Forscher bemängeln allerdings mit 40 Prozent einen zu großen Anteil von atypischen Beschäftigten in Deutschland. Diese Menschen sind trotz Vollzeitjob von Armut bedroht – wegen befristeten Verträgen und niedrigen Löhnen.

Bei der Generationengerechtigkeit hat sich die Bundesrepublik im Vergleich zu 2014 von Rang 10 auf 15 verschlechtert. So müssen bei den unter 18-Jährigen etwa fünf Prozent mit schweren materiellen Entbehrungen leben. Bei den über 65 Jahre alten Bundesbürgern sind es nur 3,2 Prozent. Auch beim Bildungszugang beklagt die Bertelsmann Stiftung in Deutschland einen zu starken Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg. 

Bei den Staaten im Süden Europas mit hoher Jugendarbeitslosigkeit mahnt die Stiftung weiter Strukturreformen an. "Dort kommen viele hochqualifizierte nicht auf dem Arbeitsmarkt an. Der Übergang von der Bildung in den Job funktioniert nicht", sagt Daniel Schraad-Tischler von der Bertelsmann Stiftung.