Flüchtlinge in den Berliner Messehallen © Sean Gallup/Getty Images

ZEIT ONLINE: Frau Hark, dass eine feministische Konferenz sich nun Flüchtlingen und anderen aktuellen weltpolitischen Themen zuwendet – bedeutet das, dass beim Kernanliegen Gleichberechtigung schon alles erreicht ist?

Sabine Hark: Man kann das nicht trennen. Die großen politischen Fragen sind immer auch Fragen der Geschlechtergerechtigkeit: Über wen wird in der Flüchtlingskrise eigentlich gesprochen, wer fällt aus der Wahrnehmung raus? Da geht es um Geschlecht, aber auch um Armut, Religion, sexuelle Identität.

ZEIT ONLINE: Man könnte auch sagen: Deutschland muss gerade Hunderttausenden Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf organisieren, da gibt es Wichtigeres als Feminismus.

Hark: Wer Feminismus zum Luxusproblem erklärt, tut so, als ginge es nur um die Quote in Dax-Aufsichtsräten. Die ist zwar schön, aber nicht sehr wichtig für den Feminismus. Das vielleicht drängendste feministische Problem weltweit bleibt, dass viele Frauen kaum Zugang zu Nahrung, Bildung und Gesundheitsversorgung haben und Gewalt ausgesetzt sind. Das trifft natürlich auch auf Männer zu. Nur sind es proportional viel mehr Frauen. Laut dem World Food Programme der UN sind mehr als 60 Prozent der Hungernden weltweit Frauen, Mädchen gehen seltener zur Schule als Jungen. In der Flüchtlingsfrage werden häufig die frauenspezifischen Flucht- und Asylgründe ignoriert. Und ganz konkret stellt sich zum Beispiel die Frage nach Schutzräumen vor sexuellen Übergriffen für die Frauen.  

ZEIT ONLINE: Einige Politiker haben angesichts der Flüchtlinge Sorgen um die Sicherheit und Gleichberechtigung der deutschen Frauen geäußert – vor allem solche, die sonst nicht gerade mit feministischen Positionen auffielen. Gewinnen Sie da vielleicht neue Mitstreiter?

Hark: Das ist plumper Rassismus und nichts anderes. Es ist schon erstaunlich, wer plötzlich das Wort Patriarchat fehlerfrei aussprechen kann. Dieses Patriarchat wird jetzt überall entdeckt, nur nicht bei uns. Im Feminismus wird das schon lange unter dem Begriff Femonationalismus diskutiert: Die Indienstnahme feministischer Perspektiven für rassistische Argumentationen.

ZEIT ONLINE: Trotzdem: Braucht es nicht eine feministische Debatte darüber, wie die Flüchtlinge aus Ländern, in denen es andere Rollenverständnisse gibt, unsere Gesellschaft verändern?

Hark: Der patriarchale Fundus ist auch in unserer Gesellschaft noch groß, wenn man sich zum Beispiel ansieht, wie Feministinnen, Geschlechterforscherinnen und Gleichstellungsbeauftragte in den vergangenen Jahren angegriffen wurden, auch in bürgerlichen Leitmedien.

ZEIT ONLINE: Aber Frauen dürfen arbeiten.

Hark: Das durften sie in Syrien auch. Diese pauschalen Aussagen sind einfach blanker Unsinn. Klar, man sollte sich sehr genau ansehen: Wer kommt da, welche Gesetze zur Gleichstellung kennen sie aus den Herkunftsländern, in welchen Wertehorizonten haben sie gelebt. Aber: Wer von woanders kommt, ist rückständiger? So einfach ist es nicht. Schon in der sogenannten Gastarbeitergeneration gab es viele türkische Feministinnen, die die deutsche Frauenbewegung mitgeprägt haben.

ZEIT ONLINE: Und gibt es eine feministische Antwort auf Rassismus?

Hark: Natürlich, Feminismus wendet sich gegen jede Form von Ungleichbehandlung und gegen die Zuschreibung vermeintlich natürlicher Eigenschaften an bestimmte Personengruppen. Die Behauptung, Frauen seien aufgrund naturgegebener Vorgaben für die Kindererziehung vorgesehen, stellen Feministinnen genauso infrage wie die Behauptung, Menschen aus einem bestimmten Land seien eben weniger intelligent.

ZEIT ONLINE: Wie ist es mit anderen Themen? Ist eine feministische Perspektive auf den VW-Skandal hilfreich?

Hark: Es wird gerne behauptet, Frauen seien die besseren, die ethischeren Managerinnen. Das ist natürlich ebenso Unsinn, weil Frauen nicht qua Natur die besseren Menschen sind. Was aber mit Sicherheit stimmt, ist: Je diverser die Vorstände zusammengesetzt sind, desto schwieriger wird die Kungelei.

ZEIT ONLINE: Warum?

Hark: Weil bestimmte Rituale dann nicht mehr funktionieren. Es ist noch nicht so lange her, dass VW in einen Skandal verwickelt war, in dem selbst die Betriebsräte mit sexuellen Dienstleistungen gepäppelt worden sind. Platt gesagt: Wenn die Manager nicht mehr gemeinsam in den Puff gehen können, wo sie nebenbei die Geschäfte besprechen, gibt es eine höhere Chance auf formalisierte, transparente Entscheidungen.

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