Am Mittwoch haben sie eine 13 gemalt auf die weiße Tafel am Fuße des Berges. Seit 13 Tagen protestieren die Einsiedler. Nun ist der erste Schnee gefallen und sie drängen sich gegen die Kälte zusammen in ihrem kleinen grün-weißen Plastikpavillon, den sie Infostand nennen. Der aber, das ist der erste Hinweis auf die merkwürdig verschobene Normalität, keine Informationen verteilt, sondern welche fordert. Ob und wann und wie viele Asylbewerber nach Einsiedel kommen, wer da für was die Verantwortung trägt und warum, wie es denn nun um das Brandschutzkonzept steht, die Grenzsicherung und den Krieg in Syrien, warum die Landesminister hier nicht auftauchen und, letztlich, warum die Politiker nicht machen, was die Einsiedler wollen. Was das Volk will.

Einsiedel hält sich für den neuen deutschen Normalfall. Nicht für den Rand, sondern für die Mitte. An diesem Abend werden sie wieder durch den Ort ziehen, über tausend diesmal, ein Schweigemarsch. Von hier aus gesehen sind die Flüchtlingshelfer an den Bahnhöfen der Großstädte die Radikalen. Und der Widerstand gegen Asylunterkünfte eine Art Selbstermächtigung der deutschen Mehrheit.

Dass Kanzlerin Merkel falschliegt, wird hier nicht mehr diskutiert, es ist eine Selbstverständlichkeit. Auf dieser Grundlage beginnen die Gespräche hier erst. "Ist ja überall so", sagt der Taxifahrer über die Proteste. Und: "Da hat Mutti Merkel sich halt verschätzt." Ganz ruhig sind sie hier in ihrem Widerstand. Getragen von der Gewissheit, dass die Geschichte ihnen schon recht geben wird. Einsiedel, neue deutsche Avantgarde.

Die Straße den Berg hinauf, vorbei an beeindruckenden Gründerzeitvillen und dem Gasthof Waldklause. Einsiedel ist ein für Chemnitzer Verhältnisse wohlhabender Stadtteil. Ganz oben dann, im Wald schon, das Eingangstor zum ehemaligen Pionierlager Palmiro Togliatti. Darum geht es.

Zwei Dutzend leer stehende Häuser, dazu eine Sporthalle. Als es die DDR noch gab, haben hier Schüler aus dem ganzen Staat ihre Sommerferien verbracht und den Rest des Jahres kamen Ausländer für Seminare, Schulungen, sozialistische Volksbildung. Das gefiel den Einsiedlern damals sehr gut, sagen die Einsiedler heute.

Nun sollen wieder Ausländer kommen. Solche, die die Einsiedler nicht wollen. Die Landesdirektion Sachsen möchte hier eine Erstaufnahmeeinrichtung eröffnen, die Rede ist von 544 Plätzen. Nun steht Marc Stoll oben im Wald und schaut auf das Pionierlager und den wackeligen Maschendrahtzaun davor, vielleicht ein Meter fünfzig hoch, und sagt: "Das Problem wäre ja nicht, Flüchtlinge zu bewachen, die da vielleicht raus wollen. Das Problem sind vermutlich eher die, die da rein wollen." Rechtsradikale, die drinnen Flüchtlinge gefährden könnten, wie Stoll sagt.

Stoll ist ein fröhlicher Mann in einer grell-blauen Funktionsjacke. Er ist in Einsiedel geboren, lebt nun mit seiner Frau und seinen drei Kindern hier. Stoll war mal Präsident eines Sportvereins, seit einem Jahr sitzt er für die CDU im Ortschaftsbeirat. "Wenn ich etwas verbessern will, meckere ich nicht, sondern bringe mich lieber selbst ein", sagt er und lächelt ein Anpackerlächeln. Er zählt sich nicht zu den Gegnern der geplanten Unterkunft, aber so richtig dafür ist er auch nicht. Er sagt: "Ach, eigentlich ist es hier ja gerade wie überall in Deutschland."

Im Frühjahr, erzählt Stoll, haben sie mal die Einwohnerstatistik aktualisiert. Einsiedel kam auf 36 Ausländer. "Jetzt hat sich meines Wissens nach ein neues Geschwisterchen eingestellt, wir sind also mittlerweile bei 37", sagt Stoll. Bei 3.600 Einwohnern. Was er damit sagen will: So richtig gewöhnt sind die Einsiedler nicht an Fremde, schon gar nicht an über 500 auf einmal. "Einsiedel hat einen dörflichen Charakter. Man zieht hier hin, um Ruhe zu haben."