Tabula rasa

Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne finden Sie hier – und auf seiner Website.

Nun muss doch noch einmal etwas gesagt werden zur viel diskutierten "Flüchtlingsfrage". Denn es fordert seit vergangener Woche Heinrich August Winkler, der Chefinterpret der deutschen Geschichte, das Nachdenken dürfe nicht länger "tabuisiert" werden. Diesem Vorschlag stimmten zu Herr Christoph Schwennicke, der Chefredakteur des Presseorgans Cicero, sowie Herr Thomas Kreuzer, Präsidiumsmitglied und Fraktionsvorsitzender der CSU im Bayerischen Landtag. Man traf sich auf öffentlicher Bühne in Anwesenheit von Kameras und zwei Journalistinnen. Das Event wurde live übertragen an die Empfangsgeräte, an denen Sie, liebe Familien, Mitbürgerinnen und Mitbürger, gewiss versammelt waren. Es kann nachträglich angeschaut werden auf der ARD-Mediathek, unter dem Label "Anne Will".

Herrn Winkler plagte an diesem Abend ein bekannter Phantomschmerz: das sogenannte Tabu. Seine mehrfach wiederholte Schlussfolgerung: Es muss Schluss sein mit der Tabuisierung der Flüchtlingsfrage. Herr Schwennicke pflichtete bei: Es müsse endlich Ehrlichkeit her. Wenn der deutsche Talkgast verkündet, es dürfe etwas nicht länger tabuisiert werden, bedeutet das natürlich noch nicht, dass er eine Meinung hat. Er möchte uns vielmehr sagen, dass es nicht verboten sein sollte, einfach über irgendetwas laut nachzudenken! Ganz schlecht ist es, so meint er, wenn etwas nicht ausgesprochen werden darf. Deshalb spricht er es gleich probeweise aus, ganz unverbindlich, nur für den Fall, dass irgendjemand meint, man dürfe diese Frage nicht stellen. 

Wie wir wissen, ist Deutschland eine einzige Tabuzone. Kaum jemand traut sich beispielsweise zu sagen, dass Sinti und Roma auch Menschen sind. Vollkommen tabuisiert wird auch die Erkenntnis, dass, wenn alle Autos dieser Welt gleichzeitig nach Deutschland führen, um im Land der Erfinder des Dieselmotors zu tanken, es zu kilometerlangen Staus an den Elbbrücken und auf der A 8 zwischen Stuttgart und Pforzheim käme. Im Übrigen sage ich nur: Thilo Sarrazin. Der Mann ringt sich einen Gedanken nach dem anderen ab, die allesamt tabuisiert sind: Dass nicht alle Türken Deutschlands gleichzeitig im Aufzug fahren können, oder dass man sich nicht sein Leben lang ausschließlich von Knoblauch ernähren kann. Oder dass die Rezeption des Faust (eines Bestsellers, den der Deutsche in Taschenausgabe stets bei sich trägt) schwieriger würde, wenn niemand ihn verstünde.

Aus diesen und aus vielen anderen Gründen musste jetzt endlich einmal gesagt werden dürfen: Wenn alle armen Menschen dieser Welt (so die Staatskanzlei Bayern) oder alle Kriegsflüchtlinge dieser Welt (so Prof. Winkler) gleichzeitig zu uns (gemeint: Deutschland in den Grenzen von 1990) kämen, könnte es eng werden.

Mein lieber Herr Professor! Das ist ja eine Zeitenwende der Erkenntnis! Darüber haben wir ja – außer 1975, 1983, 1992, 1998 und 2003 – praktisch noch nie nachgedacht! Lassen Sie uns überlegen: 360.000 Quadratkilometer für 82 Millionen angebliche Deutsche macht 4.300 m² pro deutschen Menschen (220 pro km²). Kämen nun, sagen wir mal 60 Millionen dazu (derzeit geschätzte Zahl der Kriegsflüchtlinge auf der Welt), blieben für jeden gerade einmal noch 2.600 m², die Dichte stiege auf 360 pro km² an. Das entspricht ziemlich genau der Bevölkerungsdichte von Israel (370), Indien (370) oder Japan (340) und liegt zwischen den Niederlanden (400) und Belgien (350). In Bangladesch (1070) gilt das als gähnende Leere; auch in Südkorea (520) ist's ein bisschen enger. Trotzdem – und auch dies muss man einmal sagen dürfen: Die schaffen das.

Wir

Apropos Fernsehen: Früher, fand ich, waren Fernseh-Ereignisse schöner. Sie bezogen die Familie ein und konnten am nächsten Morgen zuverlässig auch im Bus oder auf der Arbeit nachgefragt werden. Einen schönen guten Abend, sagte Irene Koss, und später dann: Gute Nacht, liebe Zuschauer. Erinnern Sie sich, Erstklässler der Jahre 1957 bis 1967, an die Eurovisionshymne? Sie kam, samt Glitzersternen und Fernsehansagerin im kleinen Schwarzen, bei allerlei Events, die der Vergessenheit anheimgefallen sind. Wichtig war "Einer wird gewinnen". Österreichische Holzfachfrauen kämpften dort mit italienischen Deutschlehrern und niederländischen Schnapsbrennern um die Krone, die man erringen konnte, indem man rollende Bälle mit dem Knie stoppte oder mit verbundenen Augen erriet, dass der flötende Herr Kulenkampff in Wahrheit Friedrich der Große war. Niemand musste seine Titten vorzeigen oder seine Steuererklärung.

Es war eine schöne Zeit, und wenn die Eurovision um 22 Uhr oder vielleicht auch ein bisschen später dann doch wieder zum Abmarsch blies, waren alle Brötchenhälften mit Gürkchen gegessen und der damals kleine Kolumnist traurig, weil das Fenster sich wieder schloss zur weiten Welt von Palatschinken und O lá lá und Gina Lollobrigida. In der Umbaupause sangen Gitte oder ein wunderbarer Neger aus Italien.