Es ist nicht das erste Mal, dass Flüchtlinge spurlos aus einer Notunterkunft verschwinden. Aber die Zahl, die Niedersachsen meldet, ist besonders hoch: Etwa 700 Flüchtlinge sollen in den vergangenen Tagen aus den Notunterkünften der niedersächsischen Kommunen verschwunden sein. Das ergab nun eine Umfrage der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) unter den 20 Landkreisen und kreisfreien Städten. Diese waren kurzfristig zur Aufnahme von 4.000 Menschen verpflichtet worden.

Warum verschwinden so viele Menschen aus den Einrichtungen? Viele Flüchtlinge fliehen aus Angst, registriert zu werden. Denn nach den Noteinrichtungen kommen sie in Erstaufnahmeunterkünfte, wo die Registrierung erfolgt. Hilfesuchende mit dem Ziel Skandinavien wollen die Registrierung in Deutschland oftmals vermeiden, da sie sonst in anderen Ländern keinen Anspruch auf Asyl haben. Vor allem jene Menschen, die nicht aus Syrien, Eritrea oder dem Irak kommen, fürchten, ihr Asylantrag könnte letztlich aufgrund ihrer Herkunft abgelehnt werden. Laut EU-Flüchtlingskommissar Dimitris Avramopoulos würden die Schleuser den Menschen empfehlen, "auf keinen Fall irgendwo Fingerabdrücke abzugeben".

In Niedersachsen sind neben den 4.000 Flüchtlingen zudem Tausende weiterer Menschen in den Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes noch nicht registriert. Für die alle gilt: Verlassen sie die Einrichtungen, ist ihr Weg faktisch nicht nachzuverfolgen. Mit dem Verwehren eines Fingerabdrucks verbauen sie sich zudem die Registrierung. Die aber ist Voraussetzung dafür, einen Asylantrag zu stellen und gegebenenfalls auf andere EU-Staaten verteilt zu werden. Eine Handhabe, die Menschen festzuhalten, habe man dennoch nicht, heißt es aus den Kommunen.

CDU-Innenpolitikerin Angelika Jahns kritisierte die derzeitige Situation gegenüber der NOZ: "Wir müssen wissen, wer sich in Niedersachsen aufhält." Die Flüchtlinge müssten direkt nach ihrer Ankunft in dem Bundesland behördlich erfasst werden, forderte Jahns. "Den von Rot-Grün viel zitierten Flaschenhals gibt es tatsächlich", sagte sie. Der finde sich jedoch nicht beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das Asylanträge bearbeitet, "sondern vor allem in der landeseigenen Verwaltung".


Bestätigt wird Jahns Kritik durch die landesweit wachsende Zahl vermisster Flüchtlinge. Erst vor gut einer Woche etwa verschwanden im niederbayerischen Landkreis Landshut 22 Menschen kurz nach ihrer Ankunft aus der bislang nur dürftig mit Matratzen auf dem Boden ausgestatteten Notunterkunft in Velden. Laut dem Sprecher des Landratsamtes, Markus Mühlbauer, komme das immer wieder vor. Vom Sicherheitsdienst zurückgehalten würden die Flüchtlinge nicht.

"Man kann sie nicht einsperren"

Auch in Sulzbach-Rosenberg in der Oberpfalz hatten Mitte September rund 100 Flüchtlinge aus Syrien, dem Iran und dem Irak eine Notunterkunft ohne Ankündigung verlassen. Einige der Menschen sind inzwischen wieder aufgetaucht. Laut einem Sprecher der Regierung der Oberpfalz ist es nicht ungewöhnlich, dass aus der Regensburger Erstaufnahmeeinrichtung immer wieder Menschen verschwinden. Sie würden weiterziehen, weil Verwandte, Bekannte, Freunde in anderen Städten und Regionen in Deutschland lebten. Teilweise würden sie auch abgeholt.

Experten zufolge machen es sich diese Menschen unter Umständen nur noch schwerer. Greift sie unterwegs die Polizei auf, haben sie wieder den Status eines illegalen Migranten. Das Registrierungsverfahren beginnt von vorne. Der Bayreuther Landrat Hermann Hübner sprach dem Nordbayerischen Kurier gegenüber von einer massiven Krise. Bei der Ankunft und beim Weiterleiten der Menschen gehe es chaotisch zu, das Management funktioniere nicht.

Die neue Notunterkunft im bayerischen Bad Berneck verließen Ende September 139 Flüchtlinge. Beobachter sahen, wie diese Menschen in wartende Autos stiegen oder sich alleine zu Fuß auf den Weg machten. Die Regierung von Oberfranken weiß um das Problem. Viele Flüchtlinge würden versuchen, zu Freunden oder Verwandten weiterzureisen, sagte kürzlich der oberfränkische Regierungssprecher Oliver Hempfling. Sie würden dafür auch das Risiko eingehen, dass sie mehrfach aufgegriffen und wieder zurück in ihre Unterkunft gebracht werden. Dennoch: Einsperren könne man die Menschen schließlich nicht.