Tabula rasa

Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne finden Sie hier – und auf seiner Website.

In der vergangenen Woche hat diese Kolumne einmal mehr gänzlich unbeabsichtigt diverse Gruppen der lesenden Bevölkerung in Aufruhr versetzt. Der Kommentator erörterte – lesen Sie es nach! – die Umsiedlung von 80 Millionen afrikanischen Gnus nach Süddeutschland, insbesondere natürlich Bayern. Über die Gnu-Wanderungen von Tansania nach Kenia und zurück hat schon Heinz Sielmann uns beeindruckende Dokumentationen hinterlassen: Diese Antilopen weichen ungern vom einmal eingeschlagenen Wege ab. Sie versuchen daher, einmal in Stimmung gekommen, bei der Durchquerung des Mara-Flusses Steilufer selbst dann zu überwinden, wenn ihnen dies – deren Höhe wegen – sportlich überambitioniert und strategisch ungünstig hätte erscheinen müssen. Unten liegen dicht an dicht fünf Meter lange Krokodile und warten. 

Sie wissen, liebe Leserinnen und Leser, was jetzt folgt: ein Gemetzel, das jeder Beschreibung spottet. Herausgerissene Därme, verdrehte Kuhaugen, spritzendes Blut. Ein See von Blut und Gier und Verzweiflung. Was lernen wir daraus? Das Gnu lebt, wandert, leidet und tut sein Bestes. Das Krokodil tut sein Bestes auch. Es kommt nicht auf den Einzelfall an, sondern auf die große Linie. Das ist wie bei den Flüchtlingen. Wir kommen darauf zurück.

Geld

Nun zum Geld. Woher es kommt, ist klar: vom Staat. Niemand anders darf Geld herstellen, abgesehen von ein paar Chips oder Credits oder Teilhabescheinen. Geldfälschung ist ein Verbrechen und wird mit Strafen bedroht (Paragraf 146 Strafgesetzbuch), die weit höher sind als diejenigen für Fälschung von Schecks oder anderen Urkunden. Über die Geldmenge, die "in Umlauf" ist, versuchen die Staaten, wirtschaftliche Prozesse zu lenken, also einerseits die Produktion von geldwerten Waren und Dienstleistungen, andererseits deren Verbrauch. Das fällt immer schwerer, je mehr unabhängige Subjekte mit eigenen Interessen unterwegs sind: andere Staaten, Unternehmen, Konsumenten. Der Eindruck, die Gesamtheit gleiche einem Ameisenhaufen, täuscht, weil die meisten Ameisen wissen, was sie tun, die meisten Menschen aber nicht genug über die Ameisen wissen. Stellen Sie sich lieber eine riesengroße Maschinenskulptur von Jean Tinguely vor (und besuchen Sie alle zwei Jahre das Tinguely-Museum in Basel!).

Wie Sie wissen, ist Geld zwar das "allgemeine Äquivalent" – also eine Ware, die sich gegen alle anderen Waren eintauschen lässt. Aber nicht alles Geld repräsentiert solche Waren/Produkte/Leistungen. Der bei weitem größte Teil des heute existierenden Geldes findet in der realen Welt überhaupt keinen Gegenstand mehr, den es repräsentieren könnte: Es symbolisiert nur mehr sich selbst, also nichts, oder sagen wir: einen Zahlenwert. Man könnte auch alle Kieselsteine der Erde zu "Geld" erklären.

Wirkliches Geld wird gemacht von staatlichen oder staatlich kontrollierten Druckereien und Münzprägeanstalten. Dort druckt man Banknoten und stanzt Taler oder Euros oder was auch immer. Unwirkliches Geld, Buchgeld, entsteht durch Kreditschöpfung. Eine Bank darf zehnmal mehr als ihren eigenen Wert an Krediten ausreichen. Geld entsteht hier also, indem eine Forderung entsteht, weil diese – grundsätzlich – in Geld bezahlt werden muss. Einen Sinn macht das nur, wenn nicht allein der Kredit zurückbezahlt werden muss, sondern auch ein Zins, also ein Zuschlag für das "Ausleihen", erhoben werden kann. Der Ausleiher muss diesen Zins "erwirtschaften", indem er mehr arbeitet, mehr produziert (oder andere über den Tisch zieht; aber das gleicht sich gesamtgesellschaftlich dann wieder aus). Das ganz große Rad drehen die Zentralbanken. Sie erschaffen Geld, indem sie Staaten Kredite gewähren (das nennt man: Staatsanleihen kaufen).

In der realen Welt fällt das den Menschen im Alltag nicht auf. Sie denken, Geld sei wertvoll, knapp und erstrebenswert. Selbst dann, wenn es wie Schnee vom Himmel fällt und alle Vernunft unter sich begräbt. Das Geld dieser Welt – ohne reale Werte – hat sich in zehn Jahren verdreifacht. Die Notenbanken erfinden pro Monat 50 oder 100 oder 200 Milliarden Euro, um die "Stimmung" der "Anleger" anzuregen, doch einen Kredit (zu Fast-Nullzinsen) aufzunehmen und irgendetwas Essbares damit hervorzubringen. Doch ach: Die "Anleger" nehmen all das Geld und investieren es in sich selbst: In die Anteilsscheine an ihren eigenen Unternehmen oder in einen Wohnwagenpark in Illinois oder ein Schrotthotel in Hoyerswerda. Ist doch egal, solange man einen findet, der morgen einen Euro mehr für denselben Schrott bezahlt und einen entsprechenden Kredit kriegt. Das ist jetzt, sehr geehrte Chefvolkswirte, natürlich sehr einfach dargestellt, aber für unsere Zwecke reicht es.  

Geld und Strafgesetz

Warum begeht ein Mensch Straftaten? Manchmal, weil ihm danach ist, egal warum. Meistens aber hat er einen Grund: die Liebe, die Leidenschaft, der Hass, die Rache. Damit ist allerdings nur ein sehr kleiner Teil beschrieben. Der weitaus größte Teil besteht aus der Motivation, sich im Kampf der Krokodile Vorteile zu sichern, die nicht vorgesehen sind: Mehr Fressen, mehr Luxus, mehr Leben. Daher geht es bei der Mehrzahl der Straftaten nicht ums Gewissen, sondern ums Fressen: sprich ums Geld. Und hieraus entsteht wiederum neues Geld. Ganz spezielles: blutiges, verdorbenes, illegales, geheimes Geld.