Was beschäftigt Sie gerade? Warum tun Sie das, was Sie tun? Was ist der Sinn des Lebens? Das fragen wir regelmäßig einen von 80 Millionen Menschen in Deutschland. Hier antwortet Bert Papenfuß, 59.

"Wenn ich durch die Straßen im Prenzlauer Berg gehe, erkenne ich meinen alten Kiez kaum wieder. Ich kam 1976 als Beleuchter und Tontechniker nach Berlin, da war ich 20. Damals war Prenzlauer Berg ein proletarischer, rebellischer und sehr junger Bezirk voller Bruchbuden. Wir haben in besetzten Häusern gewohnt und im Untergrund der DDR gedichtet, debattiert und philosophiert. 

Heute ist das ganze Viertel verspießert. Wenn ich die vielen Touristen mit Rollkoffern und Mütter mit Kinderwagen und ihrem verlogenen Ökofraß sehe, bekomme ich schlechte Laune. Investoren bauen riesige Komplexe mit teuren Eigentums- und Ferienwohnungen. Mietpreisbremse? Bezahlbarer Wohnraum? In glattpolierten Vierteln wie diesem sieht man doch, dass die Politik komplett versagt hat. Aber ich bin Anarchist, meiner Meinung nach sollte es sowieso keine Politiker geben. 

Die Gentrifizierung hat dem Viertel das kulturelle Blut ausgesaugt, nachts ist es jetzt so gut wie tot. Deshalb haben meine Frau und ich jetzt unsere Kneipe mitten im Prenzlauer Berg zugemacht. Die 'Rumbalotte' war fünf Jahre lang eine Kulturspelunke für den renitenten Rest im Prenzlauer Berg. Doch mit der Zeit wurde mein Tresen immer leerer. Alteingesessene Berliner sind wegen der Situation im Viertel weggezogen. Alkoholiker wurden trocken. Und jede Nacht, wenn ich meinen Laden gegen drei Uhr abgeschlossen habe, fiel mein Blick auf eine Großbaustelle. 

Dass die Yuppies aus den teuren Wohnungen irgendwann an meinem Tresen sitzen, mochte ich mir gar nicht vorstellen. Wir haben einfach eine unterschiedliche Vorstellung vom Leben, das wäre nicht gut gegangen. Ich will meine Miete bezahlen können, klar. Aber Profit ist mir nicht wichtig. Und wenn ich die Schnauze voll habe, hör ich auf.  

Das war auch beim Kaffee Burger so. Die Kneipe in Berlin-Mitte kennt jeder wegen Wladimir Kaminers Russendisko. Die Veranstaltungsreihe war meine Idee. Ich bin in Leningrad zur Schule gegangen und habe ein gutes Verhältnis zur russischen Kultur. Neun Jahre lang habe ich den Laden mitbetrieben. Aber je bekannter Kaminer wurde, desto mehr Touristen haben uns den Laden eingerannt. Das war zwar gut für den Umsatz, mir wurde das aber alles zu kommerziell, da hatte ich keine Lust drauf. Ich bin ausgestiegen und habe die Rumbalotte aufgemacht. 

Klar war es auch ein Problem, dass wir kaum junge Leute im Laden hatten. Ich denke, das lag ein bisschen auch an uns. Wir fühlten uns wohl, wenn wir unter uns waren. Vielleicht waren wir da auch zu arrogant und herablassend. Irgendwann reicht es aber auch. Das ist mir jetzt alles zu anstrengend.

Irgendwann werden die Gören der Spießer groß sein

Demnächst werde ich 60 Jahre alt. Ich habe am Fließband gestanden, Leitungen verlegt, Schiffe entladen, Straßen gebaut, Büros geheizt, Bier und Schnaps ausgeschenkt. Jetzt möchte ich am liebsten wieder als Schriftsteller arbeiten. Ich habe immer geschrieben. Schon in der DDR, auch wenn für mich bis 1986 ein Publikations- und Auftrittsverbot galt. Da habe ich meine Texte einfach illegal auf Punkkonzerten vorgetragen. 

Als Kneipier kamen die Geschichten dann zu mir an den Tresen. Jetzt werde ich sie woanders suchen. Weggezogen aus dem Prenzlauer Berg sind meine Frau und ich schon vor vier Jahren. Wir wohnen jetzt in Weißensee. Da ist es noch nicht so touristisch und schick. Da fühle ich mich wohler.

Aber im Prenzlauer Berg werden die Gören der Spießer und Latte-Macchiato-Mütter irgendwann groß sein und ausgehen wollen. Dann werden sie merken, dass dort nix los ist und hoffentlich rebellieren. Dann wird dort vielleicht wieder etwas Neues entstehen."