Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne finden Sie hier – und auf seiner Website.

Haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, schon einmal Notwehr geleistet? Ich meine: So richtig? Das ist gar nicht so einfach. Denn bei der Notwehr handelt es sich nicht um einen Sachverhalt, den wir da draußen in der Welt einfach vorfinden wie Steine, Wetter oder schöne Frauen. Notwehr ist eine Deutung. Ganz erstaunlich viele – um nicht zu sagen: unendlich viele – Darstellungen von Notwehr sind daher halb falsch, ein erheblicher Anteil total falsch, manche aber auch richtig.

Im Grundsatz

Um zu verstehen, was unsere Rechtsordnung mit "Notwehr" meint, muss man zunächst akzeptieren, dass es sich um einen Rechtsbegriff handelt. Die Rechtssprache muss präzise sein; das ist die Voraussetzung dafür, dass sie halbwegs dauerhaft und allgemein verständlich ist. Was heute "Kind" heißt, darf nicht morgen "Jugendlicher" heißen, was heute ein "Kraftfahrzeug" ist, sollte es auch gestern gewesen sein und übermorgen bleiben.

Deshalb sind Worte aus der Rechtssprache gelegentlich "abstrakt" oder hölzern. Sie meinen es nicht böse. Sie haben sich in bestimmte Gegenstände verkrallt wie der Kampfhahn in sein Gegenüber oder der Deutschnationale in seinen schönsten Kindertraum und möchten aus – meist irgendwie rationalen – Gründen daran festhalten. Wer "Pommes rot/weiß" sagt, hat eine Vorstellung davon, was er zu speisen wünscht, und wenn der Wirt ihm offenbart, dass bei ihm die Frikadellen jetzt "Pommes" heißen und der Senf "Majo", führt das zu Problemen, die unser Mensch auf Pommes-rot/weiß-Suche lieber vermeiden möchte, insbesondere wenn er eine intellektuelle Reaktionsverzögerung hat, wie sie bei Deutschnationalen vorkommt.

Nun also eine Definition

Der Rechtsbegriff "Notwehr" ist verständlich, wenn wir uns das System – oder sagen wir: die Konstruktion – von Strafvorschriften vergegenwärtigen:

1) Irgendeine aktive Handlung (oder Unterlassung) führt dazu, dass irgendein "Rechtsgut" (oder sagen wir: "Schutzgut") verletzt oder gefährdet wird. Das nennt man "Tatbestand". A sticht B mit einer Hohlnadel in den Arm: Körperverletzung (Paragraph 223 Abs. 1 Strafgesetzbuch), denn es liegt eine "Misshandlung" vor (Schmerz!) oder eine "Gesundheitsbeeinträchtigung" (Haut-Verletzung).

Dass der Tatbestand eines Strafgesetzes vollendet wurde, ist ein Indiz dafür, dass die Sache strafbar sein könnte: Der Mensch darf nicht einfach seine Mitmenschen mit Hohlnadeln stechen. Wenn dem Beschuldigten A also zu seiner Verteidigung nichts Vernünftiges einfällt, wird er wegen vorsätzlicher Körperverletzung bestraft.

2) Nehmen aber wir an: A ist Internist, B ist sein Patient und bedarf einer dringenden Überprüfung seiner Blutfettwerte und hat deshalb A gebeten, ihm Blut abzunehmen. Dann sieht die Sache anders aus. Ergebnis: Die Einwilligung des B "rechtfertigt" die Handlung des A; dieser ist nicht strafbar.

So etwas passiert uns im Alltagsleben oft: Der Busfahrer "nötigt" uns, bis zur nächsten Haltestelle mitzufahren (Tatbestand) obwohl wir 300 Meter vorher aussteigen müssten. Aber er ist durch unsere Zustimmung zu den Geschäftsbedingungen gerechtfertigt, wonach der Bus nur an den vorgesehenen Stellen halten muss. Das Einverständnis ist also – meistens – ein Grund, aus dem ein Tatbestand gerechtfertigt sein kann. Rechtfertigungsgründe sind Umstände, die ein an sich strafbares, also in der Regel rechtswidriges Verhalten "rechtmäßig" machen. Sie enthalten ein "Gegenrecht", das stärker ist als das vom Staat postulierte Recht eines (abstrakten) Rechtsguts (zum Beispiel unverletzt zu bleiben).

3) Erst wenn auch diese Ebene der Prüfung zu Ungunsten des Täters ausgeht, wenn er also keinen (allgemeinen) Rechtfertigungsgrund geltend machen kann, kommt es auf die ganz persönliche "Schuld" an: also etwa Vermeidbarkeit, Einschränkungen der Zurechnungsfähigkeit und so weiter.