Zwei Schlaufen haben sie geknüpft für Kanzlerin und Vizekanzler, haben sie baumeln lassen am Montagabend auf dem Dresdner Theaterplatz, bei ihrem sogenannten Spaziergang, der längst ein Marsch der Staatsfeinde ist. Ein Galgen als Zeichen derer, die ihre Regierung nicht abwählen, sondern erhängen wollen.

Kommende Woche begeht Pegida, die schon fast abgeschrieben war und verspottet, ihren ersten Jahrestag. Die Anhänger werden ihn feiern, auf den Straßen und im Netz. Der Rest des Landes kann schon jetzt, am Galgen, erkennen: Was anfangs noch als Protest Unzufriedener durchgehen konnte, ist längst eine handfeste rassistische Bedrohung geworden.

Beispielhaft die Reaktion des Pegida-Anführers Lutz Bachmann auf den Galgen. Er spottet über das von Medien vermeintlich zum "Riesengalgen" aufgeblasene "Miniding", als sei eine Morddrohung erst ab fünf Meter Höhe ernst zu nehmen. Als ginge es tatsächlich um die Demoauflagen, die allzu große Konstrukte und Plakate verbieten (was die Stadt übrigens sowieso nicht durchsetzt). Dann schreibt Bachmann: "Ich halte es für eine makabere, geschmacklose aber letztendlich einfach nur symbolisch überspitzte Meinungsäußerung." Weil Merkel und Gabriel nur am symbolischen Galgen hängen und nicht tatsächlich an einem echten, findet Bachmann das nicht so schlimm. Das beschreibt ziemlich genau die letzte Grenze, die Pegida für sich noch zieht: die zwischen Hetze und Tat. Nein, Bachmann und Co. fackeln die Flüchtlingsheime nicht selbst ab. Aber ein bisschen mit dem Tod drohen und von der Strafe des Volkes raunen, das wird ja wohl noch erlaubt sein.

Man muss längst nicht mehr nach Belegen suchen. Der Pegida-Ableger Chemnitz-Erzgebirge wird am kommenden Montag demonstrieren unter dem Motto "Wenn ein Funke zur Flamme wird". Brandstiftung ist jetzt also offizielles Pegida-Programm. Am Freitag griffen Rassisten in der Stadt ein Kirchengebäude an, in dem eine Flüchtlingsfamilie untergebracht war. In einem anderen Chemnitzer Stadtteil belagern sie seit Tagen ein Gebäude, das ebenfalls als Unterkunft vorgesehen ist. Auf ihrer Facebook-Seite überlegen die örtlichen Pegida-Organisatoren, ob es jetzt nicht mal wieder Zeit wäre für Deutschland, Deutschland, über alles: "Wir haben uns überlegt das wir nicht wirklich länger gewillt sind, das zusammengeschnittene Lied der Deutschen, was die Hymne der BRD ist, zu singen."

Nein, der Dresdner Galgen ist wirklich keine Überraschung mehr.

Wer hier mitläuft, ist kein besorgter Bürger mehr, egal ob mit oder ohne Anführungszeichen. Er ist Teil einer Gruppe und einer Dynamik, die Gewalt gegen Ausländer und Staatsvertreter nicht nur in Kauf nimmt, sondern mit allen legalen und manchen illegalen Mitteln heraufbeschwört, wie eben jetzt mit dem Galgen.

Vom Dialog mit Pegida, mit dem Politiker nach einer ersten Phase des Ignorierens die Bewegung schwächen wollten (und das vielleicht auch erreichten), ist längst nichts mehr übrig. Die einjährige Geschichte Pegidas ist eine Geschichte der Radikalisierung. Aus ihrem Inneren heraus ist das verständlich. Als sie Pressekonferenzen gaben und sich in Talkshows setzten, als sie sich mit dem sächsischen Innenminister trafen, ihren allzu hetzerischen Gründer Lutz Bachmann rauswarfen und sich auch sonst Mühe um Anschlussfähigkeit gaben, brach die Bewegung ein und spaltete sich. Bachmann kam zurück, der Ton wurde ständig brutaler. Hatten sie sich anfangs noch mühevoll Unterscheidungen abgerungen zwischen Islam und Islamisierung, zwischen Wirtschaftsflüchtlingen und Kriegsflüchtlingen, landet nun längst alles in einem Topf. Tatjana Festerling zum Beispiel, die für Pegida bei der Dresdner Oberbürgermeisterwahl zehn Prozent erreichte, spricht gern vom "Geburtendschihad".