Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne finden Sie hier – und auf seiner Website.

Öffentliche Dichterlesung

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Es gibt, wie Sie wissen und wir immer wieder schmerzlich erfahren müssen, in unserer Mitte eine Vielzahl von Personen, die aus fremden Kulturkreisen zu uns gekommen sind, um hier einen qualifizierten Hauptschulabschluss hinzulegen, sich aber konstant weigern, angemessen an ihrer Integration in unsere Gesellschaft mitzuwirken. Manche von ihnen entziehen sich den einheimischen Blicken, indem sie sich mit fremdländischen Kleidern tarnen: spitzen Filzhüten etwa, oder geschnürten Leibchen, aus denen die Brüste oben herausgequetscht werden, oder Adidas-Badelatschen. Sie spazieren durch unsere Städte und erschrecken unsere Kinder.

Ihre Opfer – und nun wird es vertrackt – sind unter anderem auch harmlose  "Ausländer, denen die Gnade der Einreise in ein zivilisiertes Land und eines deutschen Passes zuteil wurde". Nehmen wir als Beispiel nur einen Schriftsteller aus Bonn, einen gewissen Akif P., zu uns gekommen aus dem fernen Konstantinopel im Jahr 1969, unauffällig am Rande der Gesellschaft gelebt (als Katzenfreund und Sprachkünstler) und auf angenehme Weise zu Wohlstand gelangt. Und jetzt das!

Akif P., der wie jeder andere dahergelaufene Ausländer gerade eben noch sicher war, "er habe das Recht, sich und seinen Clan bis ans Lebensende von den Scheißkartoffeln verköstigen zu lassen", muss nun tatsächlich darüber nachdenken, "Deutschland zu verlassen" (das berichtet Die Welt, am 22. Oktober 2015). Denn des P. Existenz wird zerstört von unverantwortlichen Hetzern, "Volksverrätern mit Multi-Kulti-Scheiße im Hirn". Er meint damit die deutschen Verwaltungsbeamten und Politiker. Man macht dem armen Dichter seine Heimat und sein Deutschsein streitig; man beschimpft ihn öffentlich als geistesgestörten Trottel; man weigert sich neuerdings nicht bloß, seine bedeutenden Werke zu lesen, sondern sogar sie zu verlegen und zu verkaufen!

Selbst der Einsatz der Bürgerrechtsbewegung "Alternative für Deutschland" samt ihrer "Jungen Alternative", die sich mit aller Kraft gegen das deutschfeindliche Pack in deutschen Landratsämtern stemmen und für die gnadenlose Meinungsfreiheit eines jeden Schriftstellers mit Migrationshintergrund eintreten, hat bisher rein gar nichts geholfen.

Dabei hat der Künstler lediglich anlässlich einer Dichterlesung im schönen Dresden, für welche er eine "original Rede" geschrieben hatte, vorgetragen, dass die Flüchtlingsdarsteller, die sein schönes Bonn überfluten, beim Anblick einer unverschleierten, also deutschen Frau einen Herzinfarkt bekommen, selbstverständlich "nachdem sie über sie hergefallen und ihren Moslemsaft in sie hineingepumpt haben", und in den "Moslemmüllhalden" (der Dichter meinte mit dem Müll die Moslems selbst, nicht deren Müll) "sich in krankhafter Weise mit allem beschäftigen, was nach Fickerei und Gewalt riecht, wobei ihnen ein gewisser Allah den Weg weist". Überhaupt war dieser deutsche Dichter an diesem Abend, unter dem heulenden Jubel der ihn umringenden besorgten Bürger, noch zu ganz anderen Entäußerungen bereit: Ein ums andere Mal brachte er sein Rektum ins Spiel und bot seinen Enddarm als Resonanzraum für all das bewundernde Lachen der unten Stehenden. Diese missverstanden ihn auf tragische Weise: Statt sich endlich des angepriesenen Körperteils zu bemächtigen, lachten sie erregt über Bemerkungen des Dichters wie jene, die Konzentrationslager seien "leider derzeit außer Betrieb".

Dabei hatten sie – so ist er halt, der besorgte Dresdner Intellektuelle – in der Eile überhört, dass der Bonner Dichterfürst gar nicht die Einweisung der "Invasoren" ("Flüchtlinganten", "Taliban" und so weiter) in diese Lager fordern wollte, sondern – und nun wird es noch vertrackter – die deutschen Politiker beschuldigte, die eigene volksdeutsche Bevölkerung zu behandeln wie Juden, also wie "Fremde" im eigenen Land. Ihnen, den "neuen Nazis", also den deutschen Politikern empfahl er – hochironisch, wie der Konstantinopler eben ist – die KZs als Alternative zur "Umvolkung" des Deutschen in den arabischen Raum, welche sie betreiben.

Interessant war also nicht das gequälte Geschrei der armen Seele Akif P., der stammelnd den Namen der Politikerin Eskandari-Grünberg für "unaussprechlich" hielt und dafür den Beifall von Menschen erheischte und erhielt, die ihn bei einer Bewerbung unter seinem eigenen Namen nicht einmal als Toilettenmann im örtlichen "Ratskeller" in Erwägung ziehen würden. 

Interessant waren vielmehr das Lachen und der Beifall des Publikums, gerade an jenen "Stellen", an denen das dichterische Streben beim Normalbürger einen Würgereiz auslöste. Also dieses "Ho, Ho, Ho" über den (falsch verstandenen) KZ-Gag: nicht jubelnd, nicht befreit von der Last des Unausgesprochenen, Unerhörten, sondern verdruckst, verhalten, mit einem Unterton des Schuldbewussten, einer Furcht, beim Lachen oder Klatschen gesehen zu werden. Wie Zwölfjährige, die sich "schmutzige" Worte zuflüstern. Wie Mitglieder der immer noch "besseren" Kreise, die sich "schlüpfrige" Witze erzählen ("Damen bitte mal weghören!"). Wie Neonazis, die heimlich "Worte" und "Zeichen" malen, unerhörte Male der Beschwörung. Dieses Lachen, liebe Landleute, war das der Volksgenossen von 1933 und 1941, also der Mehrheit unserer Eltern und Großeltern.