Ray Schoufler ist außer Atem. Seine Stimme zittert, als er in nüchternen Worten berichtet, was er gerade gesehen hat: verletzte Studenten, Überlebende unter Tischen, eine Kleinstadt in Angst. Sein Telefonat mit CNN gibt eine erste Ahnung davon, was am Umpqua Community College (UCC) geschehen ist.

Anwohner beschreiben Roseburg als verschlafenes Nest, doch an diesem Mittwochmorgen wird es um 10.30 Uhr durch eine Gewehrsalve aus dieser Ruhe gerissen. Binnen einer Minute tötet ein 26-jähriger Amokläufer neun Menschen und verletzt sieben weitere. Augenzeugen berichten, der später durch Polizeischüsse getötete Schütze fragte seine Opfer nach deren Religion. "Bist du Christ? Gut, wenn du Christ bist wirst du in einer Minute deinen Gott sehen", zitiert CNN eine Augenzeugin. Dann eröffnete er wahllos das Feuer im Unterrichtsraum. 

60 Sekunden lang habe sie Schüsse gehört, erzählt Lorie Andrews, die auf ihrer Veranda am Campus saß, als die ersten Streifenwagen zum Gebäude rasten. "Erst dachte ich, es ist Feuerwerk." Insgesamt vier Waffen soll der Schütze getragen haben. Minuten nach dem ersten Notruf konnten Polizei und FBI den Mann "neutralisieren", wie Feuerwehrsprecher Ray Schoufler es nennt. Der Täter überlebt nicht.

Nach Angaben des ehemaligen UCC-Präsidenten John Olsen war nur ein unbewaffneter Sicherheitsmann auf dem Campus. "Wir hatten lange Diskussionen darüber, ob wir bewaffnete Sicherheitsleute brauchen", sagte er. "Aber auf so etwas kann man sich nicht vorbereiten." An dem lokalen College sind etwa 3.000 Studenten eingeschrieben.

Als Präsident Barack Obama wenige Stunden später im knapp 4.000 Kilometer entfernten Washington vor die Presse tritt, ist ihm seine Erschütterung anzusehen. "Eure Berichterstattung in den Medien und mein Statement auf diesem Podium sind zu einer Routine geworden", sagte Obama zu den Journalisten. Er erinnerte an besonders prominente Fälle in Columbine und Aurora (Colorado), Newtown (Connecticut), Tucson (Arizona) und Charleston (South Carolina). Roseburg ist bereits der 45. Amoklauf an einer US-Schule in diesem Jahr. 

Obama sprach den Familien sein Mitgefühl aus, machte aber klar: "Unsere Gedanken und Gebete sind nicht genug. Wir stehen kollektiv in der Schuld der Familien, die ihre Lieben verloren haben, weil wir nicht genug getan haben, um dies zu verhindern." Man dürfe es jemandem, der Schaden verursachen will, nicht "so leicht" machen an eine Waffe zu kommen, sagte er. Nach dem Amoklauf in Aurora hatte Barack Obama in einem BBC-Interview zugegeben, keine strengeren Waffengesetze einführen zu können sei die "größte Frustration" seiner Präsidentschaft.

"Wir sind das einzige fortschrittliche Land der Erde, das diese Massenschießereien alle paar Monate erlebt", sagte Obama im Weißen Haus. Er erinnerte daran, dass Länder wie Großbritannien und Australien nach einem einzigen Amoklauf Gesetze erlassen haben, um Waffenbesitz zu kontrollieren. "Wenn Amerikaner bei Minenunglücken sterben, arbeiten wir daran, unsere Minen sicherer zu machen", sagte Obama. "Wenn Amerikaner in Überschwemmungen und Wirbelstürmen umkommen, machen wir unsere Gemeinden sicherer. Und um Terrorangriffe in den USA zu verhindern, geben wir mehr als eine Billion Dollar aus. Aber unser Kongress blockiert jede Bemühung, auch nur Daten darüber zu sammeln, wie man eventuell Waffenmorde verhindern könnte."

12.000 Tote im Jahr

Wie das Magazin Vox in einer Grafik zeigt, kommen jährlich 12.000 Menschen in den USA durch Waffengewalt ums Leben, seit 2001 starb jedoch niemand mehr an einem Terrorangriff. Zuletzt hatte sich das Weiße Haus nach einem Amoklauf an einer Grundschule in Newtown, bei dem im Dezember 2012 20 Kinder und sechs Erwachsene getötet wurden, für ein Gesetz zur Waffenkontrolle eingesetzt. Das Gesetz hätte militärische Angriffswaffen für Privatbesitzer verboten und jeden Waffenkäufer verpflichtet, sich auf eine kriminelle Vergangenheit oder mentale Probleme hin überprüfen zu lassen. Doch die Initiative scheiterte am politischen Widerstand. Seitdem hat Obama keinen neuen Vorstoß gestartet.

Unterstützer der Waffenlobby argumentieren, es sei unangemessen direkt nach einer Tragödie für strengere Waffengesetze zu streiten. So warf Lousianas Gouverneur Bobby Jindal Präsident Barack Obama vor, er versuche "auf billige Weise, politisch zu punkten", als er sich nach dem Charleston-Massaker für strengere Waffengesetze aussprach. Allerdings dürfte es mittlerweile schwierig sein, einen Tag ohne Tragödie zu finden wie eine Grafik der Washington Post mit Daten des Mass Shooting Trackers zeigt: Seit dem Newtown-Massaker gab es in den USA insgesamt 986 weitere Massenschießereien mit mindestens vier angeschossenen Menschen – im Schnitt eine pro Tag.