Wie schnell es vorbei ging. Eben noch sah die Welt Bilder von hilfsbereiten Deutschen an ihren Bahnhöfen und Grenzübergängen und nun glauben laut einer Umfrage 51 Prozent der Deutschen, dass das Land nicht alle Flüchtlinge bewältigen könne. Überall heißt es jetzt: Die Stimmung kippt!

Das klingt, als sei Deutschland seit Jahren das Land der Willkommenskultur. Dabei war die Euphorie dieses Sommers nur eine Phase eines Selbstfindungsprozesses. Kurz zuvor bestimmten noch brennende Flüchtlingsheime das Bild. Die Unterkünfte brannten auch danach noch, aber die Erleichterung, die mit den vielen freundlichen Helfern an den Bahnhöfen einzog, war spürbar. Die Kleiderspender und Begrüßer feierten eine Party, an der auch die teilhatten, die gar nicht dazu beitrugen. Alle, die wollten, konnten darauf stolz sein.

Und jetzt? Die Party ist vorbei, aber die Gäste sind nicht gegangen. Sie sind keine Gäste und sie brauchen nicht mehr nur Kuscheltiere, etwas zu Essen und einen Schlafplatz, sondern Sprachkurse, Kitaplätze, Schulen, Jobs und Menschen, die sie als ganz normale Nachbarn akzeptieren. Die weder für immer Rücksicht nehmen noch ewige Dankbarkeit erwarten.

Das wird anstrengend, keine Frage. Hört man aber nur Politikern, Medien und Meinungsforschern zu, könnte man vermuten, dass bald in allen Städten massenhafte Pegida ausbricht. Jeder Umfrage-Prozentpunkt, der die Seiten wechselt, wird registriert, denn nichts scheint mehr sicher. Ist Deutschland das Land der Asylbewerberheimeanzünder? Das Land der Kuscheltierverschenker? Das Land der Wirtschaftsflüchtlingeabschieber und Syrerbeschützer? Pegidaland, Merkelland?  

Landes- und Kommunalpolitikern dient der angeblich unmittelbar bevorstehende Stimmungswandel schon seit dem Sommer als Druckmittel: Wenn nicht genügend Geld und Personal kommt, könnte es kippen! Bei anderen sind es eher altlinke Reflexe: Schlummert unter dem hellen Deutschland nicht doch das dunkle? Ein Misstrauen, das nicht nur Linke hegen und das von vielen Medien und Umfragen bedient wird: Auch ohne Mehrheit, die sich vor Flüchtlingen fürchtet, schuf die Überschrift "Kippt die Stimmung?" (hier, hier, oder hier) ein Bedrohungsszenario, das immer Leser findet.

Aber was soll da eigentlich kippen? Könnte Deutschland wie ein Badesee im Hochsommer plötzlich zum lebensfeindlichen Raum werden? Nein. Nur weil die Euphorie geht, verkehrt sie sich nicht in ihr Gegenteil. Nur weil nicht mehr jeder Ankommende unter Applaus am Bahnhof abgeholt wird, sind nicht plötzlich alle gegen Flüchtlinge. Genauso, wie es während der euphorischen Phase auch Anschläge gab, sind auch nun weiterhin Tausende Freiwillige im Einsatz, wenn auch an weniger sichtbaren Stellen, wie der Essensausgabe in Notunterkünften.

Die Party ist vorbei, das ist gut. Jetzt kann der Alltag beginnen. Und dazu gehört, dass man sich Sorgen darüber machen darf, wie dieses Land mit den Flüchtlingen fertig wird. Man muss sogar, denn die Integration ist keine Aufgabe, die sich behördlich wegorganisieren lässt. Auch Angst haben ist okay. Wieso auch nicht?

Es gibt viel Raum zwischen Feiern und Fremdenhass

Es gibt Neonazis und andere Rassisten, die Angst vorschieben, um ihre Ideologie dahinter zu verbergen. Doch in vielen Fällen ist sie echt. Die wichtige Frage ist, wie die Gesellschaft auf die Ängstlichen der Mitte reagiert. Geht ihre Angst davon weg, dass man sie ihnen verbietet? Sicher nicht. Geht sie davon weg, dass man ihnen sagt, Deutschland könnte alle 60 Millionen Flüchtlinge der Welt aufnehmen, und hätte doch nicht mal die Bevölkerungsdichte der Niederlande? Vielleicht.

Angst muss man beantworten und nicht befürchten. Politiker, Aktivisten und Journalisten sollten sie aushalten und nicht beim ersten Anzeichen, dass nicht alle mitfeiern, in Panik verfallen. Es gibt viel Raum zwischen Feiern und Fremdenhass.

Das Ende der kurzen Willkommensparty bedeutet nicht, dass von nun an Rassisten die öffentliche Meinung bestimmen werden. Sondern, dass jetzt eine weitere Aufgabe wartet: Den Alteingesessenen panikfreie, nüchterne Antworten zu geben. Dieses Land braucht eine Willkommenskultur nicht nur für die Flüchtlinge, sondern auch für seine ängstlichen Bürger.