Der Himmel ist der Hohn. Oder doch nicht? Wolkenlos und tiefblau leuchtet er über Paris, als wolle er spotten über die trauernde Stadt. Oder Mut machen, zeigen, dass es weitergeht. So zumindest haben es an diesem Sonntag viele Pariser interpretiert. Am Samstag blieben viele noch in ihren Wohnungen, ein wenig aus Trauer, ein wenig aus Angst, einige Terroristen seien noch auf der Flucht, hieß es. Daran hat sich zwar nichts geändert, aber am Sonntag war das den Parisern egal. Sie wollten raus, ihre Trauer zeigen.

Dorothee, 33, und Ruben, 36, versuchen, jeden Sonntag spazieren zu gehen. Meistens im Bois de Vincennes, einem der großen Pariser Parks, mit vielen Bäumen und romantischen Seen. Manchmal schlendern sie am Canal Saint-Martin entlang, einem Schifffahrtskanal, der dem Szeneviertel, in dem die meisten Opfer zu beklagen waren, seinen Namen gab. Dieses Mal aber liefen sie zum Bataclan, jenem Veranstaltungsort, an dem am Freitagabend etwa 100 Menschen hingerichtet wurden. "Wir müssen es doch irgendwie verarbeiten", sagt Ruben.

Sie haben ihre 15 Monate alte Tochter Nina dabei, sie sitzt in ihrem Trolley und ahnt noch nicht, in welche Welt sie hineingeboren wurde. Zu dritt stehen sie vor einem Absperrgitter. Das Bataclan ist der einzige Tatort, der großräumig eingezäunt ist. Man sieht das kreischend bunte Gebäude nur aus etwa 150 Metern Entfernung. Vor dem Eingang hängt eine Plane als Sichtschutz, in der ersten Etage öffnet jemand eine Flügeltür. Man möchte gar nicht wissen, wie es drinnen aussieht.

Das Einzige, was die Stille stört, ist das Dröhnen der Übertragungswagen. Viele Fernsehjournalisten haben hier ihre Aufsagerpositionen bezogen. Das Polizeiauto, vor denen ein paar Polizisten die immer größer werdende Menschenmenge beobachten, dient als Hintergrund. "Paris ist nicht tot, Paris lebt", ruft ein Pariser Ehepaar auf Englisch in das Mikrofon eines ukrainischen Kamerateams.

Dorothee und Ruben wollen weiter. Weiter zu anderen Tatorten, es ist nicht weit. Bis zur Rue de la Fontaine au Roi, wo fünf Menschen starben und noch halbvolle Biergläser auf dem Tresen stehen, sind es zu Fuß zehn Minuten. Von dort noch einmal fünf bis zum kambodschanischen Restaurant und der nebenliegenden Bar, wo 15 Personen ums Leben kamen und jemand eine Rose durch ein Einschussloch gesteckt hat.


Wie die beiden machen es viele an diesem Sonntag. Am Nachmittag sind es 18 Grad, die Sonne scheint immer noch, die Leute haben ihre Jacken über die Schulter geworfen. Sie spazieren von Terrorort zu Terrorort. Ein steter Menschenstrom bewegt sich zwischen den Tatorten, auf ihrem Weg hängt hier und dort eine Trikolore aus dem Fenster. Es sind so viele Menschen mit entsetzten Gesichtern und wässrigen Augen und Blumensträußen in den Händen, einige Jogger am Kanal müssen Slalom um den Trauerzug laufen.

Ein Gedenkmarsch ist verboten

Aber was sollen die Pariser auch sonst machen? Wo sonst hin mit der Trauer? Vier Tage nach den Anschlägen von Charlie Hebdo im Januar kamen in Paris etwa 1,5 Millionen Menschen zu einem Gedenkmarsch zusammen. So etwas hat die Regierung in diesen Tagen verboten. Wohl aus Angst vor weiteren Anschlägen.

Auch Gilles macht so eine Tour, eine Tour des Verstehens. Der 61-Jährige hat gerade noch geweint, das sieht man. Jetzt ruckelt er sich die Brille zurecht und steht vor dem Restaurant Casa Nostra, fünf Tote. Gleich nebenan sind zwei Blumenläden, auf makabere Weise Profiteure der Angriffe. Stolz sind die Besitzer darauf nicht, das kann man in ihren Gesichtern sehen.

Gilles war schon am Bataclan. "Das hilft", sagt er und macht mit seiner Digitalkamera Fotos von den Blumen und Kerzen und Zetteln, die die Menschen abgelegt haben. "Ich bin, weil wir sind" steht auf einem. Gilles hält das für einen guten Spruch, aber er muss weiter, will noch zum Stade de France, aber auch noch eines loswerden: "Wir werden nicht aufgeben. Schreiben Sie das!"

Auch das fällt auf an diesem Sonntag in Paris. Die Menschen wollen reden. Oft auch ohne vorher angesprochen zu werden. Ein Barbesitzer aus der Rue Alibert erzählt ungefragt, wie er den Freitagabend erlebt hat, wenn man sich ein Bier bestellt. Er erzählt von den Mündungsfeuern der Kalaschnikows, die in der Dunkelheit so seltsam geleuchtet haben. Und von den Gästen, die panisch in seine Bar geflohen sind. Eine Studentin erzählt, dass sie eigentlich in einer der Bars jobben wollte, aber sie sich nicht sorge, weil man eben dran sei, wenn man dran sei. Sogar auf Journalisten kommen die Menschen zu und fragen, was man wissen möchte. Interviews als Form der Trauerbewältigung.

Das Herz ist getroffen

Aber es gibt auch professionelle Angebote. Im elften Arrondissement, an der Place Léon Blum, wurde eine psychologische Beratungsstelle eingerichtet. Angehörige können sich hier ebenso Unterstützung suchen wie Menschen, die Probleme haben. Auch hier warten Journalisten. Als ein Mann aus dem Haus kommt, stürzen sich mehrere Kamerateams auf ihn. Doch anstatt zu fliehen oder abzuwiegeln, bleibt er stehen. Auch er will reden.

Philippe heißt er, er wohnt hier um die Ecke. Erst die Anschläge auf Charlie Hebdo ganz in der Nähe, jetzt das. Er hat die Schüsse gehört. "Es hat nur 20 Minuten gedauert, aber das Herz getroffen", sagt er. Er sei ziemlich fertig, könne kaum noch schlafen. Es tue nicht gut, allein zu sein, deswegen ist er zu den Psychologen gegangen. Er raucht, seine Finger zittern, wenn er an seiner Zigarette zieht. Und als er fertig erzählt hat, kommen schon die nächsten Kameraleute und er muss noch einmal von vorne anfangen.

Auf einer der Parkbänke nahe des Bataclan sitzt ein Teenager-Pärchen. Aber statt zu knutschen, trösten sie sich. Gesten wie diese prägen gerade das Stadtbild. Die Umarmungen, die Nähe, das sich Zuwenden. Viele Pariser erzählen, dass ihre Stadt und ihre Bewohner normalerweise eher kühl miteinander umgehen. Das ist anders in diesen Tagen. Ein kleines bisschen haben die Terroristen Paris wieder zur Stadt der Liebe gemacht.